Löhne zum Leben? Die Bekleidungsindustrie in Osteuropa – Teil I

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Allgemein International

Schreckensmeldungen über die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie kommen meistens aus Asien. Aber bedeutet das automatisch, dass die Situation an anderen Textilproduktionsstandorten besser ist? Dieser Blogbeitrag zeigt anhand des Beispiels Osteuropa, dass davon nicht unbedingt ausgegangen werden kann. Im zweiten Teil soll es darum gehen, ob und wie auch in dieser Region eine faire Produktion möglich ist.

Spätestens seit Rana Plaza dürften die meisten Konsument_innen in Deutschland zumindest ein flüchtiges Bild davon haben, unter welchen Bedingungen unsere Kleidung in Indien, Bangladesch und weiteren bedeutenden Produktionsstandorten der Branche hergestellt wird. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber auch nicht, dass man seitdem immer häufiger ‚made in Europe‘ liest, wenn Modeunternehmen versuchen sich nachhaltig zu präsentieren. Verschiedene Studien der Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign) in den letzten Jahren zeigen jedoch, dass europäische Produktion zwar einen guten Ruf hat, dadurch aber noch keine menschenwürdigen Arbeitsbedingungen garantiert.

Im Herbst 2017 hat das Netzwerk den Bericht ‚Europas Sweatshops‘ veröffentlich, in dem Missstände zur Sprache gebracht werden. Geschätzt 1,7 Millionen Menschen arbeiten in der Modeindustrie Mittel-, Ost- und Südeuropas. Die Befragungen zeigen, dass Arbeiter_innen oft in Armut leben und ihre Gesundheit unter den schädlichen Arbeitsbedingungen leidet. Grund genug, einen näheren Blick auf die Bekleidungsproduktion in diesen Ländern zu werfen.

In osteuropäischen Ländern nähen erfahrene und qualifizierte Arbeiter_innen. In Albanien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Georgien, Mazedonien, Moldawien, Polen, Rumänien, Serbien, Slowakei und der Ukraine gehört die Bekleidungs- und Schuhproduktion immer noch zu den wichtigsten Branchen für Export und Beschäftigung. Die meisten Exporte gehen dabei nach Deutschland und Italien. Trotz dieser Aspekte ist die Bekleidungsindustrie das verarbeitende Gewerbe der Region, in dem am schlechtesten bezahlt wird.

Den Ländern ist gemeinsam, dass sie ehemals sozialistisch sind. Während westlich des ‚eisernen Vorhangs‘ alles an marktwirtschaftlichen Prinzipien – vor allem Liberalisierung und Privatisierung – ausgerichtet wurde, vollzog sich in diesen Ländern mit der Planwirtschaft das genaue Gegenteil. Selbst Jahrzehnte nach Ende des Ostblocks ist in vielen Bereichen deutlich spürbar, dass die Ausrichtung an den Spielregeln der inzwischen extrem globalisierten Marktwirtschaft zeitverzögert erfolgt (ist). Die Folgen der ‚Transformation‘ sind noch heute zu spüren – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und zivilgesellschaftlich.

Die Löhne sind niedrig, damit arbeitgeberfreundlich und ziehen auf diese Weise Aufträge an. Der Mindestlohn wird von den Regierungen zu diesem Zweck meist bewusst niedrig gehalten. Damit unterscheidet sich die Situation in osteuropäischen Ländern wie Ungarn, Serbien oder der Ukraine kaum von asiatischen Ländern wie Bangladesch: Der Mindestlohn ist zu gering, um die Existenz der Arbeiter_innen zu sichern, wie die folgende Grafik (2017) anschaulich zeigt. Die Prozentzahl gibt den Anteil des Mindestlohns am regionalen Existenzlohn an.

Kampagne für Saubere Kleidung (2017): Europas Sweatshops

Existenzsichernde Löhne sollen einer Person ermöglichen sich und ihre Familie zu ernähren, die Miete zu zahlen, für Gesundheits-, Kleidungs-, Mobilitäts- und Bildungskosten aufzukommen sowie etwas Geld für unerwartete Ereignisse zurückzulegen. Diese Entlohnung berechnet sich ohne Boni oder Überstundenvergütung.

Die Grafik zeigt deutlich, wie weit die Löhne davon entfernt sind diesen Anspruch einzulösen. Daher sind die meisten Menschen in Osteuropa darauf angewiesen neben ihrer Arbeit Landwirtschaft zu betreiben, um ihre Ernährung sicherzustellen.

In der dortigen Modeindustrie sind 79% bis 92% der Beschäftigten weiblich. Das führt zu einer Dreifachbelastung: Näherinnen sind nicht nur Hauptverdienerinnen der Familie und arbeiten nebenher in der Subsistenzlandwirtschaft, sondern sie sind ebenfalls zuständig für den Haushalt und die Pflege von Kindern und Senior_innen.

Neben den Löhnen sind auch Überstunden sowie unangemessenes Verhalten der Führungspersonen in diesen Regionen ein Thema. Als Fazit bleibt also, dass die Arbeitsbedingungen in Europa nicht per se besser sind, als in Asien – auch wenn es teilweise erhebliche Unterschiede zwischen den Lebensstandards gibt. Dass Missstände auftreten, schließt faire Produktion jedoch nicht grundätzlich aus – ebenso wenig wie etwa in Bangladesch.

Wir stehen also vor der Frage: Wie lässt sich in Osteuropa fair produzieren? Aufgrund kurzer Transportwege lassen besonders viele Eco-Label in Osteuropa produzieren. Und auch bei Fair-Fashion-Labels findet man immer wieder osteuropäische Länder auf dem Etikett. Wie suchen diese ihre Partnerbetriebe aus und (wie) setzten sie sich dort für höhere Löhne ein? Darum soll es in Teil II dieses Beitrags gehen.    


Text: May Blombach
Beitragsbild: Näherin in Bulgarien (c) FEMNET 2015

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