Würdige Arbeitsbedingungen und mehr Rechte für Arbeiter_innen? – Ein Blick nach Bangladesch

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Allgemein International Studienreise
Norban Ltd.. Foto: © Volker Rekittke

Bangladesch – Ein Land, das vor allem mit der Textil- und Bekleidungsindustrie in Verbindung gebracht wird. Auch die gängigen Suchmaschinen liefern direkt Bilder von Rana Plaza, Textilarbeiter_innen oder Textilabfällen. Kein Wunder: Bangladesch ist inzwischen der weltweit zweitgrößte Textilexporteur. Doch was steckt hinter „Made in Bangladesh“? Unter welchen Bedingungen arbeiten die Textilarbeiter_innen dort? Wurden durch Maßnahmen wie den ACCORD Verbesserungen erzielt und welchen Einfluss haben wir als Konsument_innen auf die Branche vor Ort? Im Rahmen einer Studienreise sind unsere Referentinnen Marie und Misuk nach Bangladesch gereist. Dort haben sie mit Akteur_innen der Textilindustrie gesprochen und interessante Einblicke in die Kultur und Geschichte eines Landes erhalten, das viel mehr als nur ein Etikett in unserer Kleidung ist. In zwei Beiträgen auf unserem Blog schildern sie nun ihre Eindrücke und Erkenntnisse.

Im September sind Marie und ich nach Bangladesch gereist. Wir wollten mehr über die Situation von Textilarbeiter_innen und die bangladeschische Textil- und Bekleidungsindustrie erfahren und in den direkten Dialog mit Akteur_innen treten. Eine Möglichkeit, die sich im Rahmen einer Studienreise bot, die von den Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Baden-Württemberg und Dhaka organisiert wurde. Schnell war klar, dass wir diese Chance wahrnehmen möchten und so begannen wir, im Spätsommer die Koffer zu packen.

In unserer Reisegruppe fanden Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Alle beschäftigten sich jedoch mit dem Thema Textilindustrie. Viele kamen aus dem entwicklungspolitischen Bereich und der Bildungsarbeit, aber auch Gewerkschafter_innen, Betriebsrät_innen und Leute aus dem Bereich Design und Journalismus waren dabei.

Auf der Studienreise haben wir mit Menschen gesprochen, die auf verschiedenste Weise in die Textilindustrie involviert sind und uns dementsprechend unterschiedliche Bilder von der Lage vermittelten. Ich werde hier auf den Besuch beim Accord-Büro und die Situation der Gewerkschaften eingehen. Im zweiten Teil zur Studienreise wird Marie dann mehr zu der Situation von Frauen und ihren persönlichen Eindrücken berichten.

Ostpakistan vs. Bangladesch

Während der Vorbereitung auf unsere Reise wurde mir bewusst, wie schockierend wenig ich über das Land weiß, das heute für Deutschland nach China der wichtigste Bekleidungslieferant ist. Ich erfahre, dass die ältere Generation noch einen grausamen Krieg miterlebt hat, in dem die bengalische Bevölkerung im damaligen Ostpakistan gegen die westpakistanische Armee für ihre Unabhängigkeit kämpfte. Erfolgreich, denn 1971 wurde Bangladesch als unabhängiger Staat anerkannt. Bei unserem Besuch im Liberation War Museum in Dhaka erfuhren wir mehr über die Geschichte.

Old Dhaka, Flussüberquerung auf dem Buriganga  © Volker Rekittke

Je mehr ich mich mit Bangladesch beschäftige, desto klarer wird mir, welch bedeutenden Einfluss die Textilindustrie auf die Gesellschaft und die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort hat(te). Für viele Frauen war und ist beispielsweise die Arbeit in der Fabrik ein Schritt in Richtung mehr Unabhängigkeit in einer patriarchalischen Gesellschaft. Ein Gesprächspartner stellte die Hypothese auf, dass Bangladesch bereits jetzt ein „Middle income country“ wäre, hätten die ArbeiterInnen seit den 1980er Jahren einen ordentlichen Lohn erhalten. Dies trifft einen wunden Punkt.

Rana Plaza: die Geburtsstunde des ACCORD

Was für mich im Gespräch mit dem Accord-Büro deutlich wurde, ist, dass über den Druck auf große internationale Marken in den Produktionsländern sehr viel in Bewegung gesetzt werden kann. Eine sehr wichtige Folge vom Einsturz von Rana Plaza, den ein Gesprächspartner klar als „government failure“ bezeichnete, war, dass die Unternehmen nun gezwungen waren, sich den Problemen in ihren Lieferketten zu stellen. So waren sie bereit, gemeinsam mit nationalen und internationalen Gewerkschaften den Accord abzuschließen, ein rechtlich bindendes Abkommen zu Brandschutz und Gebäudesicherheit. Endlich, denn seit 2010 haben sich NGOs und Gewerkschaften um ein solches Abkommen bemüht.

Das Accord-Logo als Flagge im ACCORD-Büro © Volker Rekittke

In den sechs Jahren des Accord (2013-2018) hat sich sehr viel getan: Alle beteiligten Unternehmen mussten ihre Zulieferer benennen. Es handelt sich hier um mehr als 200 Unternehmen, die in mehr als 2000 Fabriken produzieren ließen, also fast die Hälfte aller Fabriken. Diese Fabriken wurden hinsichtlich ihres Brandschutzes und der Gebäudesicherheit inspiziert. Zusätzlich wurden die Arbeiter_innen und das Management trainiert, Sicherheitsmängel zu identifizieren und Beschwerden von Arbeiter_innen zu bearbeiten.

Der Accord wird für seinen begrenzten Aufgabenbereich kritisiert. Aber laut Joris Oldenziel, dem stellvertretenden Direktor des Accord-Büros, hat genau diese Konzentration auf eine Problematik zum Erfolg des Accord beigetragen: so kann nun für alle untersuchten Fabriken ein guter Sicherheitsstandard weitestgehend garantiert werden. Zudem werden jegliche Probleme angegangen, die die Sicherheit der Arbeiter_innen gefährden. Unter eine solch weite Definition fallen auch Probleme wie Gewalt am Arbeitsplatz, Mutterschutz, die Versorgung mit Trinkwasser, Gesundheit oder Überstunden.

Im Gespräch mit dem Accord-Büro haben wir jedoch erfahren, dass die Zukunft des Abkommens unsicher ist. Denn ab Mai 2020 wird eine neue Institution, der RMG (Ready Made Garment) Sustainability Council (RSC), die Aufgaben des Accord-Abkommens übernehmen. Im RSC sitzt, anders als zuvor, neben den Gewerkschaften und Markenunternehmen nun auch der Arbeitgeberverband der Textilfabriken (BGMEA), der eng mit der Politik verbandelt ist. Nicht nur die Struktur, auch die Themen, die die neue Institution angehen möchte, sind noch nicht bekannt. Das jetzige Accord-Team arbeitet hart, um die Trainings in allen Fabriken bis zur Übergabe zu beenden. In ihren Augen gibt es viele kritische Punkte, von denen abhängt, ob die Arbeit in ihrer bisherigen Qualität fortgeführt werden kann. So sind z.B. die Entscheidungsstruktur im RSC sowie die Garantie der Unabhängigkeit der Kontrollen unklar.

Gewerkschaften – der Kampf für faire Arbeitsbedingungen

Wir hatten auch die Gelegenheit Kalpona Akter vom Bangladesh Centre for Worker Solidarity (BCWS) und Nazma Akter von Awaj Foundation in ihren Büros zu besuchen. Beide Organisationen setzen sich für die Belange von Arbeiter_innen ein. Glücklicherweise konnte sich auch Amirul Haque Amin, der Präsident der National Garment Workers Federation (NGWF) für ein Interview Zeit nehmen. So konnten wir einen Eindruck von der Lage der Gewerkschaften gewinnen.

Amin erzählte uns von den erschwerten Bedingungen, mit denen die Gewerkschafter_innen in Bangladesch zu kämpfen haben. Um eine Gewerkschaft zu gründen, müssen mindestens 20% aller Beschäftigten (bis vor kurzem sogar noch 30%) Mitglied sein. Dies stelle eine enorme Hürde dar. Zudem seien auch heute noch Anklagen gegen Entlassungen und das „Blacklisting” von aktiven Gewerkschafter_innen üblich. Auch BCWS und die Awaj Foundation berichteten von gewalttätigen Angriffen gegen sie durch Schlägertrupps, die u.a. vom Fabrikmanagement organisiert würden. Mittlerweile muss in jeder Fabrik ein Participatory Workers Committee eingerichtet sein. Dieses muss mindestens zur Hälfte mit Arbeiter_innen besetzt sein. Was zunächst positiv erscheint und vom Fabrikmanagement und den Unternehmen als wichtiges Instrument zur Teilnahme gelobt wird, stößt auf Gewerkschaftsseite auf sehr kritische Stimmen. Schließlich kann letztlich nur eine Gewerkschaft Tarifverträge abschließen und aktiv Forderungen stellen.

Die Zahl der Gewerkschaften auf Fabrikebene liegt bei über 500, wobei sich die große Mehrzahl nach Rana Plaza registrieren ließ. Bezogen auf die über 4000 registrierten Fabriken Bangladeschs ist dies natürlich immer noch sehr wenig. Hinzukommt, dass darunter auch viele arbeitgeberfreundliche Gewerkschaften sind. Die Position der Arbeiter_innen wird insgesamt dadurch geschwächt, dass es ein grobes Ungleichgewicht in der politischen Vertretung gibt. So gibt es viele Unternehmer, die auch im Parlament sitzen. 30% der Abgeordneten allein sind Textilunternehmer, während die Arbeiter_innen gar nicht vertreten sind.

Ein weiteres Problem ist, dass Arbeiter_innen oft nicht gut über ihre Rechte informiert sind. Eine wichtige Aufgabe von Gewerkschaften und der sie unterstützenden Organisationen liegt daher darin, die Arbeiter_innen über ihre Rechte aufzuklären. Mit Erfolg, denn seit Beginn ihrer Arbeit hat sich bereits einiges getan!

Bangladesch 2030 – eine gerechte Textil- und Bekleidungsbranche?

Ob sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter_innen verbessern, hängt von vielen Faktoren ab. Ausschlaggebend ist aber, dass Gewerkschaftsfreiheit de facto nicht besteht und Gewerkschaftsarbeit behindert wird. Sollte sich die Lage der Menschen und Arbeiter_innen insgesamt verbessern, ist dies nicht nur eine Frage der Verbesserung der Arbeitsbedingungen, sondern auch, ob es der Regierung gelingt, den Lebensstandard der Menschen insgesamt zu erhöhen. Denn ein höherer Lohn hat nur begrenzt Wirkung, wenn die Inflation rasant steigt, bezahlbarer Wohnraum (mit Bad und Küche) nicht vorhanden ist und öffentliche Schulen teilweise zu weit entfernt liegen von den Wohngebieten der Arbeiter_innen.

Wer trägt Verantwortung? Die Macht von Konsument_innen, Unternehmen und Politik

Natürlich war ein wichtiger Punkt auf der Reise auch, was wir tun können. Wir als Konsumierende haben viele Möglichkeiten, uns zu (Fast) Fashion zu positionieren. Was vor allem Wirkung haben kann, ist aktiv Druck auf die Unternehmen auszuüben. Amin, der Vorsitzende der Gewerkschaft NGWF, sieht zwar die Unternehmen in der Hauptverantwortung, aber er denkt, dass der Konsument sehr viel Druck ausüben kann. Zum Beispiel, indem er den Unternehmen droht, ihre Produkte nicht mehr zu kaufen, solange sie nicht gewisse Standards erfüllen. Er meint, diese Drohung sei bereits sehr wirkungsvoll. Es geht letztendlich darum, dass die Hauptakteure Verantwortung übernehmen. Ein Lieferkettengesetz, wie aktuell in Deutschland besprochen, ist essentiell dafür!

Ein wichtiges Druckmittel liegt aber auch in den Händen der EU. Gerade jetzt sitzt die EU am längeren Hebel und könnte mehr Druck auf Bangladesch ausüben. Denn das Land wird bald nicht mehr zur Kategorie der „least developed countries“ gehören und somit nicht mehr ohne weiteres den zoll- und quotenfreien Zugang zum europäischen Markt erhalten. Dafür müsste es sich an gewisse UN-Abkommen und die ILO-Kernnormen halten.

Soll es den Menschen und Arbeiter_innen in Bangladesch besser gehen, müssen viele Akteure an einem Strang ziehen. Und auch wir, als Konsumierende und Bürger_innen können viel bewegen.

In fast allen Gesprächen haben uns die Menschen ganz offen und gerne einen Einblick in ihre Arbeit gewährt und uns gesagt, was sie über die Lage im Land, aber auch über die Länder, für die Bangladesch produziert, denken. Das war sehr wertvoll für mich. Einige haben sehr eindringlich gesprochen und mit Wut im Bauch. Eine Botschaft, die ich mitnehme, ist, dass wir mehr politische Verantwortung übernehmen müssen und gemeinsam mit den Menschen dort kämpfen müssen. Für eine gerechtere Verteilung. Nicht nur für Bangladesch, sondern für alle Produktionsländer. Und: wir sollten von unserer Studienreise berichten.


Wir bedanken uns ganz herzlich bei Misuk für diese spannenden Einblicke in die bangladeschische Textil- und Bekleidungsindustrie und freuen uns schon jetzt auf Maries Fortsetzung in Teil 2.

Alle Fotos stammen von © Volker Rekittke

Weitere Informationen zu Bangladesch:

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