Lehren einer Reise – Die Textilindustrie in Bangladesch und unsere Verantwortung für eine gerechtere Weltwirtschaft

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Im Dezember hat Misuk von ihren Eindrücken von Bangladesch und den Problematiken in der dortigen Textilindustrie berichtet. Nun ist Marie an der Reihe, die Misuks Schilderungen mit informativen Fakten zu Bangladesch, wirtschaftlichen Zusammenhängen sowie globalen Herausforderungen und Ungerechtigkeiten unterfüttert. Sie spannt auch den Bogen zu Deutschland und wie wir als politische Akteur_innen und Konsument_innen Verantwortung entlang der textilen Kette übernehmen können und müssen.

Marie-Kristin Rinas und Misuk Choi sind als Referentinnen von FEMNET in der Bildungsarbeit an Schulen tätig und haben im vergangenen September mit der Friedrich-Ebert-Stiftung Bangladesch bereist und mit verschiedenen Akteur_innen der dortigen Textilindustrie gesprochen. So lässt Marie in diesem Beitrag auch zwei Gewerkschafterinnen und Aktivistinnen und den Präsidenten der größten bengalischen Textilgewerkschaft „National Garment Workers Federation“ (NGWF) zu Wort kommen. Nicht zuletzt beschreibt sie, inwiefern die Reise ihr Anstöße und neue Ideen für die eigene Bildungsarbeit gegeben hat.     

Die Textilindustrie ist die wichtigste Industrie für Bangladesch und beschäftigt mehr als 4 Millionen Menschen. Fast zwei Drittel der Textilexporte gehen in die EU – größtenteils nach Deutschland. Somit ist Deutschland der wichtigste Textilabnehmer für Bangladesch und liegt damit sogar noch vor den USA.

Doch zunächst zu den Entwicklungen dahinter: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Absatz der Modeindustrie verdoppelt, mehr als 1000 Milliarden neue Kleidungsstücke werden jährlich produziert. Deutschland importiert ca. 90% seiner Textilien aus dem außereuropäischen Ausland und ist damit nach den USA zweitgrößter Textilimporteur der Welt. Jede_r Deutsche kauft im Jahr durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke. Jedes 5. Kleidungsstück wird laut einer Greenpeace-Studie so gut wie nie getragen und 60% der gekauften Kleidung landen nach einem Jahr schon wieder auf der Mülldeponie. Laut Kai Nebel (HS Reutlingen, Textil & Design) werden zudem 40% der hergestellten Kleidungsstücke nie verkauft. Von nachhaltigem und bewusstem Kleiderkonsum kann in Deutschland also im Durchschnitt nicht die Rede sein.

Kein Wunder, dass die Textilindustrie mit einem Anteil von mehr als 5% des weltweiten CO2-Ausstoßes zu den dreckigsten Industrien der Welt gehört und jedes Jahr 1,2 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft bläst . Damit kann sich die Textilindustrie sogar eine größere CO2-Bilanz als der gesamte Schiffs- und Flugverkehr auf die Fahne schreiben. 

Die Fast-Fashion-Industrie mit ihren schnell wechselnden Trends ist nicht nur für unser Klima, Wasser, Böden und Ressourcen eine Katastrophe, sondern auch für Näher_innen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Ein Ende ist trotz dieser erschreckenden Bilanz nicht in Sicht – im Gegenteil:  Die Wachstumsprognosen der Fast-Fashion-Industrie sind laut dem Report „Pulse of the Fashion Industry“ bis 2030 um 63 Prozent weltweit weiter steigend.

Die Auslagerung der Textilproduktion aus Deutschland in den vorwiegend asiatischen Raum, aber auch nach Osteuropa und neuerdings auch nach Äthiopien, ist eine Entwicklung, die sich seit etwa 20 Jahren beobachten lässt und die Produktionsländer vor große soziale und ökologische Herausforderungen stellt, so auch Bangladesch.

In Bangladesch leben 176 Millionen Menschen auf 147.570 km², was einer Fläche von zweimal Bayern entspricht. Damit gilt Bangladesch, abgesehen vom Gaza-Streifen, als der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Bangladesch ist ein Land, das besonders stark vom Klimawandel betroffen sein wird. Das Land besteht zu großen Teilen aus Wasser und wird Schätzungen zufolge bis 2050 einen Anstieg des Meeresspiegels zwischen 30-45 cm erleben, was verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem, sowie die Trinkwasser- und Nahrungsversorgung haben wird. Das flache, fruchtbare Schwemmland, welches viele Menschen ernährt hat, wird unbewohnbar werden. Durch die dichte Besiedlung des Flächenstaates und die entstehende Landverknappung werden viele Menschen ihre Heimat verlassen und in die Nachbarländer und Länder darüber hinaus fliehen müssen. Man geht ohne eine signifikante Reduzierung des CO2-Austoß aktuell von 25 Millionen Klimaflüchtlingen aus.

In unseren Gesprächen mit Menschen vor Ort schienen die Folgen des Klimawandels jedoch wenig präsent zu sein – viel mehr zählte das „Hier und Jetzt“: Die Menschen beschwerten sich über den lästigen Verkehr, der es normal werden lässt, Stunden für den Weg zur Arbeit zu brauchen. Was akut gebraucht wird, ist eine Verbesserung des öffentlichen Verkehrs. Viele Menschen haben keinen Führerschein, fahren oftmals illegal ohne Fahrgenehmigung und Busse sind auch häufig Verursacher von Unfällen. Abgesehen davon sind die Straßen sehr verstopft und der Smog kaum auszuhalten. Doch zum Glück wird diesem Zustand durch den Bau einer Hochbahn bald Abhilfe geleistet.

 

Doch zurück zur Textilindustrie: Bangladesch konnte in den letzten Jahrzehnten durch eine robuste Konjunktur in den Bereichen Textilproduktion (Weberei, Strickerei, Vliesstoffherstellung) und Konfektionierung (Zuschneiden und Nähen) mit einem Exportvolumen von 90% ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum verzeichnen. So soll Bangladesch auch bis 2021 von der Weltbank als ein Land mit mittlerem Einkommen (Middle Income Country) klassifiziert werden. Im Vergleich zu 1991 ging die Anzahl der Menschen, die unter der extremen Armutsgrenze von 1,9 US-Dollar leben, von 44% auf 12,1% (ca. 20 Millionen) zurück. Damit wird deutlich, welche enorme Entwicklungen das Land in den letzten Jahrzehnten gemacht hat und welche Bedeutung der Export von Textilien in die EU für die Wirtschaft des Landes hat. Vom Wirtschaftsboom im Textilsektor wird vor allem auch in den Regierungsreihen profitiert, denn Regierung und Textilsektor scheinen in diesem Land eine besonders enge Symbiose einzugehen, auch Korruption ist ein großes Problem. Wer von dem Wirtschaftsboom allerdings nicht ausreichend profitiert, erzählte uns Nazma Akter in den Büroräumen der Awaj-Foundation in Dhaka.

Die Gewerkschafterin sprach ihr Unverständnis darüber aus, dass trotz internationaler Bemühungen und öffentlichem Druck, immer noch viel zu wenig Geld bei den Arbeiter_innen ankommen würde.

“Wir produzieren eure Mode – und ihr beutet unsere Näher_innen aus. Die globalen Lieferketten müssen fair werden. Von den Gewinnen, die bisher vor allem den Aktienbesitzern der globalen Modefirmen zugutekommen, muss viel mehr bei den Arbeiter_innen ankommen.”

Nazma Akter musste schon ab ihrem 11. Lebensjahr in einer Textilfabrik schuften und begann mit 16 Jahren sich gewerkschaftlich zu organisieren. Sie gründete 2003 die Awaj-Foundation, die sich verbesserte Arbeitsbedingungen, Geschlechtergerechtigkeit und ein würdiges Leben im RMG-Sektor (Ready-Made-Garment) zum Ziel setzt. Auf ihrem Weg zu ihrer gewerkschaftlichen Arbeit musste sie polizeiliche Repressionen erfahren und war auch für kurze Zeit mit ihrem neugeborenen Baby im Gefängnis.

 

Doch wie viel verdienen eigentlich Textilarbeiter_innen in Bangladesch?

Textilarbeiter_innen verdienen auf der untersten Stufe einen Mindestlohn von 8.000 Taka, was ungefähr 85€ entspricht. Ende 2018 gab es Demonstrationen um die Erhöhung des Mindestlohnes im RMG-Sektor. Nach den Protesten wurden mehr als 12. 000 Arbeiter_innen entlassen und 7500 angeklagt. „Fast alle Entlassenen sind jetzt auf einer Schwarzen Liste. Es ist schwierig für sie, wieder Arbeit zu finden.“ sagt Amirul Haque Amin, Präsident der National Garment Workers Federation.

 

Das Ergebnis der Demonstrationen kann auf jeden Fall als Erfolg bezeichnet werden, da die Regierung das damalige Einstiegsgehalt von 5.300 Taka auf 8.000 erhöhte, auch wenn die Gewerkschaften das doppelte (16.000 Taka) forderten. Doch der Lohn reicht immer noch nicht zum Leben aus, bedenkt man die rasant ansteigende Inflationsrate, sowie explodierende Immobilienpreise und allgemein hohe Lebenshaltungskosten. Nazma Akter berichtete uns auch, dass Fleisch aufgrund des exorbitant hohen Preises für viele Menschen unerschwinglich sei. Ein weiterer Gesprächspartner erzählte uns, dass sich die meisten Textilarbeiter_innen keine eigene Unterkunft leisten könnten und sich deshalb Bad und Küche mit anderen Mieter_innen teilen müssten.

Gleichzeitig ist der Lohn im Vergleich zu anderen Sektoren in Bangladesch „verhältnismäßig gut“ und der Gender Gap gleicht sich im RMG-Sektor an: die Beschäftigten hier sind zu 47% männlich und zu 53% weiblich (http://rmg-study.cpd.org.bd/wp-content/uploads/2019/08/Report-on-New-Dynamics-in-Bangladeshs-Apparels-Enterprises.pdf).  Gerade die qualifizierten und damit besser bezahlten Jobs in der Konfektionierung werden aktuell immer häufiger überwiegend von Männern ausgeführt. Davon konnten wir uns auch selber in der Fabrik Norban etwas außerhalb von Dhaka überzeugen (Fabrik Norban siehe Titelbild von Misuks Blogbeitrag, auch wenn hier die Männer an den Nähmaschinen, die zum Beispiel die Muster nähen, nicht zu sehen sind). Aber auch für Frauen ist die Arbeit in Textilfabriken eine Möglichkeit, auch ohne eine Ausbildung eigenes Geld zu verdienen – trotz der Schattenseiten wie Diskriminierungen verschiedenster Art wie zum
Beispiel verbale, physische oder sexualisierte Gewalt, Übergriffe und Arbeitsrechtsverletzungen.
Die massenhaft entstandenen Jobs haben somit Millionen von Frauen auch vom Land in die Textilfabriken gezogen und das traditionelle Frauenbild Bangladeschs stark verändert.

Bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen und Einhaltung von Menschenrechten von Arbeiter_innen in den Textilfabriken kommt es meiner Einschätzung nach oft zu Verallgemeinerungen und es wird in der Regel ganz pauschal von „den schlechten Arbeitsbedingungen“ im RMG-Sektor, insbesondere im Globalen Süden (und Osteuropa) gesprochen. Hierzu gilt es festzustellen, dass nach dem Fabrikeinsturz von Rana Plaza im Jahr 2013 durch den internationalen öffentlichen Druck, insbesondere der EU, durchaus Maßnahmen zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen von Arbeiter_innen in den Fabriken Bangladeschs ergriffen worden sind.

Ein Beispiel dafür ist der Accord, ein rechtlich bindendes Abkommen zu Brandschutz und Gebäudesicherheit. Auch gibt es zunehmend Trainings und Schulungen von internationalen Brands, Stiftungen und NGOs in den Fabriken, sei es im Management oder mit den Arbeiter_innen, um beispielsweise über die eigenen Rechte aufzuklären oder Programme zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt durchzuführen. Denn oft gibt es eine große Diskrepanz zwischen staatlichen Gesetzen und der Einhaltung dieser Gesetze. Auch die Erhöhung des Mindestlohns auf 85.000 Taka im Monat nach den Protesten 2018, sowie die Überprüfung der richtigen Einordnung in die verschiedenen Gehaltsstufen können als positive Entwicklungen festgehalten werden.

Durch den medialen Aufschrei nach Rana Plaza ist bei den Brands auf jeden Fall angekommen, dass sie unter internationaler Beobachtung stehen und Verbraucher_innen der Importländer von den Brands eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Fabriken erwarten. Bei einem Treffen mit dem Management von H&M in Dhaka wurde uns erzählt, dass das Unternehmen nicht in Rana Plaza hat produzieren lassen. Als Brand will man natürlich nicht mit schlechter Publicity in Verbindung gebracht werden. So hat man uns auch stolz mitgeteilt, dass H&M in Bangladesch seine Arbeiter_innen im RMG-Sektor über dem gesetzlichen Mindestlohn bezahlen würde. Hier kann man sehen, dass alles getan wird, um nicht mit schlechten Arbeitsbedingungen und zu niedrigen Löhnen in Zusammenhang gebracht zu werden.

Wir wissen, dass internationale Unternehmen mittlerweile zwar einiges tun, um Arbeitsbedingungen zu verbessern, aber die Maßnahmen dennoch ungenügend sind.

Auf der anderen Seite gibt es auch Fabriken, die für den lokalen Markt produzieren und somit nicht unter internationaler Beobachtung stehen. Diese Fabriken geraten in unseren Analysen auch gerne aus dem Blick: Unsere Delegationsgruppe hat auch einen kleinen Einblick in eine Fabrik für den lokalen Markt bekommen und hier arbeitende Kinder gesehen. Somit haben wir uns die Frage gestellt, was für die Produktionsstätten des lokalen Marktes und auch gegen die Auslagerung in Heimarbeit getan werden kann, bei der oft auch Kinder involviert sind.

Mit meiner Einschätzung möchte ich festhalten, dass nach Rana Plaza effektive Maßnahmen ergriffen worden sind, um die Situation in den Textilfabriken zu verbessern, dennoch will ich die bereits genannten Problematiken keines Falls verharmlosen. Einschränkungen der Vereinigungsfreiheit, Repressionen, geschlechtsspezifische Gewalt, zu niedrige Löhne, Überstunden, fehlende soziale Sicherungssysteme usw. sind immer noch nicht überwunden.  

Gleichzeitig plädiere ich dafür, sich auch der unwürdigen Arbeitsbedingungen im Textilsektor über Asien hinaus bewusst zu werden. So lässt sich etwa der Bau von neu entstehenden, riesigen Technologieparks mit modernen Textilfabriken in Äthiopien beobachten, die mit Unterstützung des BMZ und der GIZ gefördert werden – leider mit erschreckenden Ergebnissen: Laut Datenerhebungen sind die Arbeitsbedingungen in diesen Fabriken verheerend schlecht (https://www.workersrights.org/wp-content/uploads/2019/03/Ethiopia_isa_North_Star_FINAL.pdf). Auch sind die Löhne in Äthiopien im RMG-Sektor aktuell weltweit am niedrigsten. Schauen wir auf die Balkanstaaten, können wir in Sachen schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne ganz ähnliches beobachten: Das Monatsgehalt im RMG-Sektor in Rumänien liegt zum Beispiel bei 300€ bei nahezu gleichen Lebensmittelpreisen wie in Mitteleuropa – ein Armutszeugnis für die Europäische Union.

Einen Ausblick auf mögliche Lösungen für die sozialen und ökologischen Problematiken entlang der globalen Lieferketten der Textilindustrie hat uns Kalpona Akter gegeben, Geschäftsführerin des „Bangladesh Centre for Workers‘ Solidarity“ (BCWS): 

„Fast Fashion hilft uns nicht. Viel billige Kleidung zu kaufen, hilft uns nicht. Wir müssen über nachhaltige Mode reden, über Qualität – und darüber, wie der höhere Preis dafür bei unseren Arbeiter_innen ankommt. Dabei könnte auch ein Gesetz helfen – ein Gesetz in Deutschland oder noch besser in der EU, das europäische Firmen zur Rechenschaft ziehen würde bei Verstößen gegen Arbeits- und Menschenrechte bei ihren Zulieferern.“

Kalpona Akter gilt als eine der bekanntesten Arbeitsaktivistinnen Bangladeschs und ist Gründerin der Organisation „Bangladesh Centre for Workers‘ Solidarity“. Sie musste bereits mit 12 Jahren in einer Textilfabrik arbeiten und organisierte sich später gewerkschaftlich. In unserem Gespräch berichtete sie uns von ihrer Verhaftung 2010 unter dem Vorwurf der „Aufwiegelung“ und der Ermordung einer ihrer engsten Mitarbeiter 2012.

 

Jedoch ist es oft so, dass ein Kauf-Boykott den Arbeiter_innen vor Ort aktuell auch nicht helfen würde. Es bestehen keine Sozial- und Rentensysteme, so dass die Arbeiter_innen auf der Straße stehen würde, käme es zu einem starken Rückgang der Auftragslage. Der Hemdenhersteller Olymp hat zum Beispiel nach mehrmaligem Auffordern der mazedonischen Fabrik Stobi, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, seine Geschäftsbeziehungen mit Stobi beendet. Da Olymp der einzige Auftraggeber der Fabrik war, wurden ca. 250 Arbeiter_innen ohne jegliche Aussicht auf die Absicherung durch ein staatliches Sozialsystem auf die Straße gesetzt. (https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/nord-mazedonien-naehen-zum-hungerlohn-102.html)

Ich glaube die größte Herausforderung vor der wir gerade stehen, ist die Frage danach, wie wir diese Industrie auf sozial gerechte und ökologische Standards umstellen können, ohne dass viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren müssen. Während der Reise ist mir noch mal mehr bewusst geworden, dass ein „weiter so“ aus sozialen und ökologischen Gründen keinen Tag länger mehr geht. Die Situation in den Produktionsländern kann sich nur verbessern, wenn Brands, Politik und Konsument_innen sich ihrer jeweiligen Verantwortung bewusst sind.

Der nächste große Schritt in Deutschland könnte dazu das sogenannte „Lieferkettengesetz“ sein. Beim Verstoß gegen die Menschenrechte und/oder Umweltauflagen entlang der gesamten Lieferkette könnten die Unternehmen (egal welcher Industrie) in Zukunft für ihr Vergehen haftbar gemacht werden. In den nächsten Monaten wird sich entscheiden, ob die Politik ein solches Gesetz verabschieden wird. Hier geht es zur Petition: https://lieferkettengesetz.de/

Besonders beeindruckt hat mich auf unserer Reise der persönliche Kontakt mit verschiedenen Akteur_innen der Textilindustrie, vor allem mit den Aktivist_innen aus der Gewerkschaftsarbeit. Allerdings bedaure ich es, dass wir nicht die Möglichkeit hatten, mit Arbeiter_innen, die aktuell in Fabriken tätig und nicht unbedingt politisch oder gewerkschaftlich aktiv sind, zu sprechen. In besonderem Maße hat mich unser letzter Termin mit Nazma Akter geprägt, die mit einer sehr emotionalen Ansprache an unsere persönliche Verantwortung als Akteur_innen der Modeindustrie, der Politik und der Gewerkschafts- und Bildungsarbeit in Deutschland appelliert hat. Nach der Reise habe ich viel darüber reflektiert, wie ich meine Kontakte und Erfahrungen der Reise in die Bildungsarbeit einbauen kann: Ich glaube nämlich, dass wir nicht nur mehr internationale Solidarität, sondern auch mehr internationalen Austausch brauchen.  Deshalb werden Misuk und ich voraussichtlich ein neues Bildungsprojekt zum Austausch von Schulklassen aus Deutschland mit Expert_innen der Textilindustrie oder Schulklassen in Bangladesch mittels Computer-Chat aufbauen und betreuen. Aber auch in meiner Bildungsarbeit über FEMNET werde ich verstärkt den persönlichen Bezug zur Textilindustrie Bangladeschs einbeziehen.

Wie dramatisch sich die Coronakrise auf Näher_innen in Bangladesch auswirkt und warum es derzeit mehr denn je nötig ist, dass Unternehmen Verantwortung für die Arbeiter_innen in den Produktionsländern übernehmen, könnt ihr hier nachlesen.


Wir bedanken uns ganz herzlich bei Marie für die Einblicke in ihre Reise und das Reflektieren und Erklären so vieler Zusammenhänge!

Alle Fotos stammen von © Volker Rekittke.

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