Hanf auf dem Vormarsch? Interview mit Robert Hertel von HempAge über die neue alte Faser

Kommentare 2
Interview Label Materialkunde

Neben Leinen gehört Hanf zu den Stoffen mit der besten Ökobilanz. Es braucht weder Pestizide noch Herbizide, lockert den Boden auf und benötigt kaum Wasser. Dennoch spielt es in der heutigen Textilbranche nur eine untergeordnete Rolle und wurde, wie viele andere Stoffe, von Baumwolle verdrängt. Die HempAge AG hat sich seit der Gründung 1999 der Verarbeitung und Weiterentwicklung des Stoffes verschrieben und geht dafür verschiedene Wege: Forschungsarbeit im Bereich der Fasergewinnung und -weiterverarbeitung, Engagement in Gremien, um die Verbreitung von Hanf in anderen Bereichen wie Dämmmaterialien oder Faserverbundwerkstoffen zu fördern und die Gründung der Forschungsgesellschaft mbH im Jahr 2012, um dem technologischen Engpass bei der Weiterverarbeitung des Hanfes entgegen zu wirken. Wir haben mit Firmengründer Robert Hertel über die Tätigkeiten und Wirkungsfelder von HempAge gesprochen.

Wie kam es zur Gründung von HempAge?
HempAge entstand aus „Colour Connection“. Diese Firma wurde 1991 als „FairTrade“-Unternehmung gegründet.

Wurde das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem Studium aufgegriffen?
Weder habe ich mein Studium abgeschlossen, noch war das Thema zu der Zeit auf den Lehrplänen.

Was würden Sie jungen Modestudent_innen/Jungunternehmer_innen empfehlen, die im Bereich öko-fairer Mode arbeiten wollen? Haben Sie Tipps?
a) Reisen Sie in Produktionsländer und machen Sie sich einen persönlichen Eindruck.
b) Sprechen Sie zu dem Thema mit vielen anderen Leuten aus unterschiedlichen Bereichen und mit diversen Meinungen. Vieles ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint, „der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen“. Lassen Sie Ihre eigenen Ideen von anderen (am besten „Praktikern“ im Bereich) reflektieren.
c) Lernen Sie aus Obigem und lassen Sie den Kopf nicht hängen, wenn auch Sie trotz oder gar durch gute Vorsätze letztlich negative Auswirkungen gefördert haben. Jeder macht Fehler – es kommt darauf an, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Vor allem aber, es überhaupt ein nächstes Mal zuversuchen!

Wie könnte eine adäquate Unterstützung durch die Hochschule aussehen? Braucht es eine andere Art der Ausbildung?
Das wäre sicher wünschenswert. Aber Vorschläge in Richtung Hochschulbetrieb halte ich grundsätzlich für aussichtslos. Kommen diese dann noch aus nichtakademischem Munde kann dies der Sache – unabhängig vom Inhalt – eigentlich nur schaden. Aber diesen Umständen ist es letztlich geschuldet, dass Studierende schon zu Beginn des Studiums lernen, das Gelehrte zu hinterfragen. Dies wiederum ist vermutlich der größte Verdienst der Hochschulpolitik.

Was ist das Erfolgsrezept von HempAge?
Zum einen haben wir durch den Fokus auf Hanf eine klare Positionierung in der Branche. Zudem steht HempAge für einen zeitlosen Stil, um eine Alternative zur Schnelllebigkeit konventioneller Modelabels zu bieten. Die Offenlegung unserer Produktionsbedingungen, um einen möglichst unverfälschten Einblick in unser Unternehmen zu geben (durch die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation), ist ebenfalls ein Aspekt, den unsere Kunden zu schätzen wissen. Wir hatten aber auch Misserfolge! Insgesamt waren diese jedoch alle überwindbar, auch wenn es im Einzelfall ganz anders aussah.

Wer sind die Kunden von HempAge?
Der typische HempAge-Kunde ist zwischen 35 und 60 Jahre alt, verfügt über ein (über)durchschnittliches Einkommen und legt Wert auf einen nachhaltigen Lebensstil. Dieser drückt sich durch ein bewusstes Konsumverhalten aus. Unseren Kunden liegt die Langlebigkeit der erworbenen Produkte am Herzen, sowohl in qualitativer, als auch in modischer Sicht.

Zeitloser Stil als Erfolgsrezept (Foto: HempAge)

Zeitloser Stil als Erfolgsrezept (Foto: HempAge)

Ist es wichtig, nicht in die „Öko-Nische“ gesteckt zu werden?
Die Einhaltung von Sozialstandards und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften stehen für HempAge an erster Stelle. Derzeitige Modetrends beeinflussen zwar unser gestalterisches Handeln, jedoch nicht in dem Ausmaß und der Schnelllebigkeit, wie es in der konventionellen Modebranche der Fall ist. Die Ökobranche im Allgemeinen, aber auch HempAge im Besonderen, verzeichnen seit Jahren ein Umsatzwachstum. Daher sehen wir die Ökobranche nicht mehr nur als Nischenmarkt an, wobei der Markt für Hanfbekleidung natürlich nach wie vor sehr überschaubar ist.

Wie schätzt HempAge die derzeitige Marktentwicklung für nachhaltige Kleidung ein? Wo sehen Sie Trends?
Das Preisniveau bei HempAge bewegt sich und wird sich auch in naher Zukunft in einer Kategorie bewegen, die für die jüngere, oder zumindest jugendliche Zielgruppe, überwiegend uninteressant bleibt. Das liegt am Rohstoff Hanf, dessen Verarbeitung nach wie vor aufwändig ist, jedoch mit einer sehr guten Ökobilanz belohnt wird. Allgemein ist jedoch ein steigender Modegrad bei vielen Anbietern zu verzeichnen, was auch beim Produktentwicklungsprozess von HempAge berücksichtigt wird.

Wo sieht HempAge die Zukunft nachhaltiger Kleidung?
Wo die Zukunft liegt, wird vor allem von der Medienberichterstattung abhängen. Hier beobachtet man aktuell das Fokussieren auf viele kleine Randthemen, aber leider keine zusammenfassenden Überblicke, welche dafür sorgen könnten, die Hauptprobleme zu identifizieren und zu klassifizieren. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Evolution nachfolgende Generationen mit der Fähigkeit ausstattet, Werbung und Propaganda besser von der Realität unterscheiden zu können. Ansonsten wird das Ganze zu einer lächerlichen Werbeshow verkommen, die weder Mensch noch Planet wirklich helfen wird. Zugleich sind wir aber der Überzeugung, dass sich ein erneuter Siegeszug der Hanffaser alleine aufgrund der natürlichen Gegebenheiten nicht mehr aufhalten lässt. Wir hoffen, dazu einen entscheidenden Beitrag leisten zu können und Hanfbekleidung bei weiterhin steigenden Qualitäten, auch preislich gegenüber Baumwolle und Polyester, wieder attraktiv machen zu können.

Wo sieht HempAge entscheidende Forschungs- und Innovationsfelder für die Branche?
a) internationale (globale) Sozialpolitik und Mindestlohn
b) Textilchemie (Ausrüstungen, Färbungen)
c) Kunstfasern aus biologisch abbaubaren Biopolymeren (aus 100% nachwachsenden Rohstoffen)
d) neue Methoden/Prozesse für vorhandene Naturfasern, um diese nachhaltiger zu produzieren, veredeln und wiederverwerten zu können.

HempAge engagiert sich sehr in Forschung und Entwicklung und betritt damit auch andere Anwendungsfelder. Ergeben sich hieraus viele Synergieeffekte zwischen den Produktbereichen Mode/Baustoffe?
Wir wollen dem Rohstoff Hanf insgesamt wieder zu der Bedeutung verhelfen, die er eigentlich verdient. Für Forschung in Sachen Bekleidungstextil findet man – zumindest in Europa – heute nur noch wenig Investoren oder Förderprogramme. Im Sektor „Automotive“ jedoch verhält es sich ganz anders. Deshalb haben wir uns entschlossen, unsere Forschung und Entwicklung rund um die Hanffaser grundsätzlich auf technische Textilien und andere Anwendungen aus dem Bereich „neue Materialien – nachhaltige Verbundwerkstoffe“ hin zu optimieren. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse sind grundsätzlich auch für Bekleidungstextilien nutzbar. Zwar kostet die Übertragung in den anderen Bereich auch Anstrengungen, jedoch nicht so viele wie ohne die bereits geleisteten Vorarbeiten für die anderen Anwendungen. Ganz konkret bedeutet dies in unserem Fall z.B., dass wir nach 3 Jahren Entwicklungszeit für einen Automobilkonzern die neue Technik nun – in Abhängigkeit von den verfügbaren Ressourcen – für textile Anwendungen abändern und optimieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Susanne Kupka.

Fotos: HempAge

 

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.