Von Märchen und Tweed – Schneiderin Rachel Kopp im Interview

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Interview Slow Fashion

Einen abgerissenen Knopf annähen, eine durchgescheuerte Jeans stopfen, Omas Kleid aufmotzen? In Zeiten von Fast Fashion gehen wir ziemlich achtlos mit unserer Kleidung um. Eine Folge dieser Unachtsamkeit ist neben Umweltproblemen und Missachtung von Menschenrechten in der Modeindustrie nicht zuletzt ein Verlust der Vielfalt qualitativ hochwertiger Materialien. Das wird einem besonders bewusst, wenn Rachel Kopp von ihrer Ausbildung zu Herrenschneiderin und ihrer Selbstständigkeit mit der [schneiderwerkstatt] erzählt. Tweedkostüme, antike Originale, Ebstücke – das klingt alles irgendwie ganz anders als „ausgeleiert nach einem Waschgang“ und „Wegwerfmode“…

Erzähle uns von Deiner Ausbildung und Deinem beruflichen Werdegang.
Meine Ausbildung zur Herrenschneiderin habe ich bei der Costume Company gemacht, einer Schneiderei mit einem spannenden Auftragsspektrum; wir haben viel für die Bühne gearbeitet, für die großen Musicals in Hamburg, fürs Theater, für den Film. Da war alles dabei, vom klassischen, traditionell verarbeiteten Herrenanzug bis zu ausgefallenen Bühnenkostümen wie zum Beispiel einem mit Pfauenfedern besetzten Juste-au-corps nach historischem Vorbild.
Die Werkstatt der Costume Company befindet sich in einem alten Fabrikgebäude, angegliedert an das Hamburger Off-Theater Kampnagel. Es war ein Paradies für mich – diese hohen Räume voll mit Stoffen der verschiedensten Farben und Texturen; der verwinkelte und immer etwas ungeordnete Kostümfundus, in dem es neben salopper Alltagskleidung, verrückten Kostümen, Schuhen und Perücken auch wundervolle handgearbeitete antike Originale aufzustöbern gab; die Färbeküche, wo wir in riesigen Töpfen unseren Stoffen die gewünschten Farben verpassten; und die gläserne Vitrine voller schwerer Bildbände zu Kostümgeschichte und Mode – und Stasi nicht zu vergessen, die alte Katzendame, die am liebsten zusammengerollt auf dem Sofa saß und uns bei der Arbeit zusah.
Wenn ich vor meiner Ausbildung, bei meinen ersten improvisierten Versuchen auf der alten Haushaltsmaschine meiner Mutter, mein Interesse fürs Nähen entdeckt hatte, so habe ich während meiner Zeit bei der Costume Company richtig Feuer gefangen für die Kunst der Schneiderei, und diese Leidenschaft hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Wurde das Thema faire Kleidung in der Ausbildung thematisiert? Wie könnte so ein Angebot gestaltet sein?
Die Auseinandersetzung mit fairer Kleidung hat weder im praktischen noch im schulischen Teil der Ausbildung eine wesentliche Rolle gespielt – in der Schule wurde es allenfalls am Rande thematisiert, allerdings nicht in der Art, dass mir das bis heute in Erinnerung geblieben wäre. Aktuell ist Fast Fashion/Fair Fashion Teil der schulischen Ausbildung zur Schneiderin (zumindest in Hamburg), im letzten Jahr wurde zum Beispiel der Film „The True Cost“ angeschaut und die Ausstellung „Fast Fashion“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg besucht – das haben mir die Umschülerinnen der freien Textilwerkstatt NähGut, wo ich in Teilzeit als Ausbilderin tätig bin, berichtet.
Ideal wäre es meiner Ansicht nach, wenn man „faire Kleidung“ fest im Stundenplan verankern würde, als ein eigenes Fach. Dann wäre es möglich, umfassend für dieses vielschichtige Thema zu sensibilisieren: faire textile Produktionskette, Globalisiserungsproblematik im Allgemeinen, Konsumverhalten und Umgang mit Kleidung, Entsorgungsproblematik und nicht zuletzt die Tatsache, dass selbst lokale Produktion (in Deutschland) häufig auf der Prekarisierung der beteiligten Schneiderinnen und Modemacherinnen fußt. Gerade dieser letzte Aspekt ist für angehende Schneiderinnen relevant, da viele sich bereits in der Ausbildung und dann auch später in ihrem beruflichen Alltag mit sehr niedrigen Löhnen und hohen Forderungen in punkto Arbeitseinsatz konfrontiert sehen werden (sowohl im Selbständigen- wie auch im Angestelltenverhältnis). Solange wir das als gegeben hinnehmen, wird sich daran auch nichts ändern – würde diese Problematik allerdings bereits während der Ausbildung mehr in den Fokus gerückt, könnte das Anregung sein, gemeinsam etwas zu bewegen, um das Berufsfeld der Schneiderin/Modemacherin zu stabilisieren und aufzuwerten.

Warum hast Du Dich für die Selbstständigkeit mit der Schneiderei entschieden?
Schon immer habe ich es geliebt, mir den Weg zu einem einmal gesteckten Ziel autonom und auf eigene Faust zu erschließen. Ich finde es spannend, unterschiedliche Möglichkeiten durchzuprobieren, zu scheitern und wieder von vorne anzufangen, an einer Sache herumzuknobeln, bis alles endlich stimmt und meinen Vorstellungen entspricht. Wenn eine Idee mich erst mal gepackt hat, vertiefe ich mich hinein und vergesse alles um mich herum.
Und dann ist die [schneiderwerkstatt] für mich mehr als einfach nur ein Job. Ich verstehe sie als durchaus nicht ganz unpolitisches Gesamtkunstwerk. Mein Wunsch ist es, mit meiner Arbeit ein Zeichen zu setzen für mehr Sinnlichkeit, Bedachtsamkeit, Authentizität im Alltag. Das umfasst nicht nur die Kleidung, die ich bearbeite, sondern auch die Ladeneinrichtung, die Präsenz im Netz, die Workshops, die ich gebe… hinter allem steckt viel Liebe und ein hoher Anspruch, auch und gerade an die Details; die verwendeten Materialien und Werkzeuge müssen mich ansprechen, sollen optisch, haptisch und ethisch Bestand haben. Alles muss stimmen, wie bei einer Symphonie – dann macht mir die Arbeit Spaß. Dass das alles nicht so schnell schnell geht, ist Teil des Konzeptes. Wer also Hauptsache fix irgendeinen Wunsch erfüllt haben möchte, ist bei mir wahrscheinlich nicht an der richtigen Adresse. Ein bisschen Zeit bringen meine Kund_innen gerne mit – schließlich haben ja auch die Kleidungsstücke, die den Weg in die [schneiderwerkstatt] finden, meistens schon einiges an Geschichte hinter sich – und durch das richtige Upcycling die Aussicht darauf, ihre Trägerin noch eine ganze Weile zu begleiten…

Alte Stoffe zu neuen Geschichten verhelfen Foto © Rachel Kopp

Alte Stoffe zu neuen Geschichten verhelfen Foto © Rachel Kopp

Woran arbeitest Du gerade bzw. was war ein interessantes Projekt an dem Du beteiligt warst?
Was mich an der Arbeit mit getragenen Lieblingsteilen fasziniert, ist ihr Abwechslungsreichtum. Mit jedem einzelnen Kleidungsstück sind vielfältige Erinnerungen seiner Trägerin verwoben. Ich empfinde es immer wieder als eine kreative Herausforderung, zusammen mit der Kundin zu ergründen, wie und in welcher Art ein bestimmtes Teil umgestaltet werden kann, damit es weiter Bestand hat. Da gibt es ganz unterschiedliche Herangehensweisen: manchmal bedarf es „nur“ einer kleinen Änderung oder einer einfachen Reparatur – eine Naht muss enger gemacht, ein Reißverschluss ersetzt werden. Bisweilen geht es aber auch darum, einem Teil durch Umgestaltung einen neuen Look zu verpassen. Eine Frau aus meiner Nachbarschaft beispielsweise hat eine ganze Truhe voller Originale aus den 1960er und -70er Jahren – Erbstücke von ihrer Mutter und deren Schwester. Zu bestimmten Anlässen sucht sie sich ein Kleid aus dieser Sammlung heraus und bringt es in der [schneiderwerkstatt] vorbei, um es sich „aktualisieren“ zu lassen; das prägnante Design des Stoffes bleibt erhalten, den Schnitt des Kleidungsstücks passe ich der Silhouette der Kundin, aber auch dem aktuellen ästhetischen Empfinden an.
Manchmal arbeite ich auch projektbezogen, so zum Beispiel jüngst bei der Kooperation mit der Kirchgemeinde Rellingen. Jährlich wird dort der „Frauenkleidermarkt“ veranstaltet, ein karitativer Second-Hand-Markt (dessen Erlös übrigens zur Hälfte an das FEMNET-Projekt FairSchnitt geht). Beim aktuellen Markt hatte ich die Gelegenheit, mir aus den üppigen Restbeständen der Veranstaltung einige interessante Einzelteile auszuwählen, um daraus ein neues Outfit zu kreieren. Dabei ist aus einem alten, stellenweise etwas abgenutzten englischen Tweedkostüm eine robuste Hose entstanden; aus einem ausgeleierten Organic-Cotton-Dress und einem lurexdurchwirkten 50er Jahre Kleid ein elegantes Oberteil; aus einer Ohlsen-Jacke in Übergröße eine Steppweste mit Kapuze. Das neue Outfit wurde im Rahmen des Rellinger Kulturfestes auf einer Upcycling Modenschau präsentiert und versteigert.
Aus unterschiedlichen Gründen aussortierte Kleidungsstücke können also wieder tragbar gemacht werden – an den zur Neige gehenden Lebenszyklus eines Kleidungsstückes schließt sich ein weiterer an, das Teil wird aufgeladen mit neuen Erinnerungen, eine neue Geschichte entsteht… So betrachtet, ist die Arbeit einer Änderungsschneiderin auch ein wenig die einer Märchenerzählerin. Und das gefällt mir sehr.

Vielen Dank, dass Du unsere Fragen beantwortet hast!

Alle Fotos © Rachel Kopp

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