Raus aus der Nische! Ideen für die Zukunft der fairen Mode

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Von der Hochschule in die Praxis: Im ersten Teil des Interviews haben Anna und Ina, Absolventinnen des ESMOD-Studiengangs Sustainability in Fashion, von den Inhalten des Master-Studiums berichtet. Heute sind beide weiterhin im Bereich nachhaltige und faire Produktion tätig – mit ganz unterschiedlichen Ideen und Ansätzen.

Ihr wart beide für GET CHANGED! tätig. Was ist das Ziel und was waren eure Aufgaben?
Anna: GET CHANGED! ist eine Online-Plattform für faire Mode. Wir möchten in Österreich, Deutschland und der Schweiz bekannter machen, wo man faire Mode kaufen kann. Haupt-Tool hierzu ist der digitale „Fair Fashion Finder“. Daneben möchten wir mit weiteren Kooperationen, Kampagnen und Publikationen dem bereits existierenden Angebot an sozial und ökologisch produzierter Kleidung zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Gemeinsam mit dem Upcycling Fashion Store und Hola Berlin veranstalten wir z.B. in Berlin die Green Fashion Tours, geführte Stadtrundgänge durch faire Modeläden und Ateliers, bei denen wir den Leuten etwas zum Thema erzählen – zu Problemen und möglichen Lösungen. Auch hier diskutieren wir mit den Teilnehmer_innen über Sozialstandards und wie man sie umsetzen kann, welche Firmen was machen und welche gute Ansätze es gibt.
Ina: Für GET CHANGED! habe ich vorwiegend die Korrespondenz mit Stores für nachhaltige Mode geführt und habe mich für Kooperationen mit Städten oder mit anderen Initiativen eingesetzt. Außerdem habe ich die Nachhaltigkeitsprüfungen von Brands unterstützt.

Ina, Du hast letztes Jahr „Design for Circularity“ gegründet. Was genau verbirgt sich dahinter?
Ina: „Design for Circularity“ ist eine nachhaltige Design Consultancy, mit der ich kreislauffähige Konzepte und Designstrategien zusammen mit Labels umsetze. Dafür habe ich ein Konzept entwickelt, das „Extended Closed Loop“-Modell, mit dem man Kleidung für Wiederverwendung und Wiederverwertung gestalten kann und über eine Plattform die Rückholung und das Recycling der Textilien organisieren soll. Dies wird organisiert durch ein digitales Tool für mehr Transparenz im ganzen Kreislauf. Das versuche ich nun, umzusetzen, um eine Cradle-to-Cradle inspirierte Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Das gesamte Konzept wurde als eine der nachhaltigen Innovationen 2014 von LAUNCH nordic sowie mit dem NEXT ECONOMY AWARD 2015 von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet und wird somit bei der Entwicklung unterstützt. Weitere Partner für die Umsetzung werden noch gesucht. Außerdem mache ich Workshops und Lehraufträge an Unis zum Thema nachhaltige Designstrategien, insbesondere zu kreislauffähigem Design. Im letzten Semester unterrichtete ich den von mir entwickelten Kurs „Future Fashion Concepts – Nachhaltige Design-Strategien in der Mode“ an der HAW in Hamburg und leitete einen Workshop an der Hochschule KEA in Kopenhagen.

Was denkt ihr muss passieren, damit faire Arbeitsbedingungen in die Massenproduktion kommen, damit faire Mode keine Nische bleibt?
Anna: Das ist das wichtigste Thema. Es ist das Ziel von GET CHANGED! vorbildlichen Einzelhändler_innen und kleinen Brands aus der Nische zu verhelfen. Ich denke, langfristig wird faire Mode auf zwei Arten den Schritt aus der Nische schaffen: Einerseits hoffe ich, dass vorbildlich nachhaltige Stores und Brands durch ihre Pionierarbeit wichtige Marktpositionen bekommen. Gleichzeitig bewegen sich aber auch die großen Modeplayer mehr in Richtung „fair“. Wir alle können hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem wir Pioniere durch Kaufentscheide belohnen (wofür GET CHANGED! ein Instrument an die Hand geben möchte), und von den Großen entschlosseneres Handeln in Richtung faire Arbeitsbedingungen fordern. Femnet und die Clean Clothes Campaign geben hier wichtige Instrumente an die Hand.
Ina: Ich glaube Aufklärung und Transparenz zum Kunden sind wichtig, denn wenn aufgeklärte Konsument_innen bewusste Entscheidungen treffen, können sie mit ihrer Kaufkraft Druck ausüben, der sehr viel bewegen wird.

Ina, wo liegen für Dich die spannendsten Entwicklungen der Zukunft beim Thema faire Mode in der Massenproduktion?
Ina: Geschlossene Kreisläufe und Kaskadennutzung, durch Wiederverwendung und hochwertiges Closed Loop Recycling, sind in meinen Augen die Themen der Zukunft. Es ist spürbar, dass mit der Entwicklung hin zu einer intelligenten Kreislaufwirtschaft auch eine inspirierende Mentalität eines antreibenden Gemeinschaftssinns entsteht. Firmen und Konsumenten entwickeln eine Offenheit und gedankliche Flexibilität, um Besitzgewohnheiten zu hinterfragen und neu zu denken. Um Materialkreisläufe zu schließen, ist es wichtig eine kohärente Verbindung von kreislauffähigem Design und dessen klare Kommunikation zum Konsumenten zu schaffen sowie zirkuläre Business-Modelle zu entwickeln, welche die Produkte effektiv und dauerhaft im Kreislauf halten, zum großen Vorteil für Menschheit und Umwelt. Durch Vernetzung und Zusammenarbeit basierend auf Gleichberechtigung, Offenheit und Wissensaustausch können wir die Entwicklung vorantreiben.

Fashion Week Berlin © Lisa Johanna Thiele

Fashion Week Berlin © Lisa Johanna Thiele

Wo liegt aus Eurer Sicht der Schlüssel zu den Konsument_innen?
Ina: Ich komme auf mein digitales Tool zurück. Der Schlüssel ist die Vernetzung zwischen Produkt, Herstellungsbedingungen und Konsument_in: Eine Schnittstelle, die zeigt, wie Kleidung hergestellt wurde. Ein lasereingravierter Code in meiner Kleidung kann vom Konsumenten gescannt werden und stellt ihm alle Informationen über das Kleidungsstück zur Verfügung. Ohne dass man beim Einkauf erst recherchieren muss, findet man die Informationen direkt im Produkt.
Anna: Auch, wenn ich mich wiederhole: Einerseits sind Kampagnen wie die der Clean Clothes Campaign oder Bildungsangebote wie das von FEMNET wichtig, um uns alle zu sensibilisieren und zu informieren. Gleichzeitig leisten sie einen wesentlichen Beitrag, um den öffentlichen Druck auf Unternehmen zu erhöhen. Andererseits finden wir Informationen darüber, welche faire Kleidung es schon gibt, auf GET CHANGED! oder ähnlichen Portalen. Also einerseits Information, Aufklärung, Sensibilisierung und Bildung, andererseits konkret zeigen, was es schon gibt.

Wie kann man dem Thema unternehmerisch mehr Gewicht verleihen?
Ina: Nachhaltigkeit sollte ethisch natürlich selbstverständlich sein. Gleichzeitig können nachhaltige Strategien durch die geschaffene Qualität ein sehr profitables Potential entfalten und sind durch die globalen Grenzen, an die wir immer näher stoßen, eine Notwendigkeit für Unternehmen um auf lange Sicht überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Unternehmerisches Gewicht kriegt die Thematik dann, wenn Produkte, die unter schlechten sozialen Bedingungen produziert wurden, nicht mehr verkauft werden können; wenn von Kundinnen und Zivilgesellschaft immer mehr und lauter Transparenz in der Lieferkette verlangt wird. All dies geschieht bereits teilweise, bedarf aber durchaus noch einer Beschleunigung und Intensivierung in den nächsten Jahren.

Das Interview führte Caterina Marcucci, Praktikantin im Projekt FairSchnitt.

Foto oben © Parcyvall GmbH

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