Gedanken zur Fashion Week – dem ethischen Teil natürlich

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Event Messe Mode Slow Fashion

Vom 15. bis 18. Januar 2019 fand die NEONYT – früher Ethical Fashion Show und Green Showroom – im Kraftwerk Berlin statt. Unsere Volontärin May war für FEMNET ohnehin in der Hauptstadt und hat die Chance genutzt, sich einen Eindruck zu verschaffen. In diesem Blogbeitrag berichtet sie von ihren Eindrücken und Gedanken.

In dieser Woche bin ich aus meinem Büroalltag bei FEMNET mitten hinein in die Fashion Week gestolpert. Als ich am Vormittag den Messebereich der NEONYT betrete, bin ich doch irgendwie überwältigt, wie durchkonzeptualisiert und ästhetisch alles ist. Als ich meine ersten Runden durch die Halle drehe – es ist noch ruhig und leer – bin ich überfordert von der Masse an Reizen: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll genauer hinzuschauen. Es gäbe so viele Kleiderständer durchzuschauen und doch…

Mit der Zeit gewöhne ich mich an das Überangebot an schönen Dingen; kann die Atmosphäre sogar mit zunehmender Faszination aufsaugen. Es ist fast ein bisschen so, denke ich mir, als hätte ich meine Bedenken und Gedanken zu Konsumverzicht am Eingang abgegeben. Hier ist ja alles öko und fair, hier darf ich begehren – oder?

Blick auf die Ausstellungsfläche (c) Messe Frankfurt GmbH


Bei den meisten präsentierten Waren wird auf den ersten Blick deutlich, dass nachhaltige Materialien eine Rolle spielen. Man sieht viel Kork, Naturfasern und Schilder, die auf „Apfelleder“ hinweisen. Was mir hingegen kaum begegnet, ist ein Hinweis auf Bedingungen, unter denen die Produkte produziert werden. Das sieht man ihnen nun einmal nicht an. Das Thema Arbeitsrechte ist mir zu wenig präsent. Hätte ich einen anderen Arbeitskontext, würde ich vielleicht nicht auf die Idee kommen, danach zu fragen.

Es beschäftigt mich, welche Rolle Veranstaltungen wie die NEONYT für eine ethische Bekleidungsindustrie spielen. Hier ist es so leicht, vieles zu vergessen, was mich in meiner tagtäglichen Arbeit bei FEMNET beschäftigt. Hat der Glamour dennoch eine Existenzberechtigung?

Meine nächste Station ist die Prepeek, ein Format für Blogger_innen, das ursprünglich von Kleiderei-Co-Gründerin Thekla Wilkening erdacht wurde. Brands stellen ausgewählte Stücke der nächsten Kollektionen zur Verfügung, Blogger_innen stylen daraus Outfits, werden professionell geschminkt, fotografiert und geben ihre Einschätzungen zu den Teilen ab. Auf diese Weise wissen die Brands, welche Stücke gut ankommen und Marketing gibt es gleich dazu.

Inzwischen halbwegs in der Fashion-Welt angekommen, habe ich Lust auf ein Selbstexperiment. Ich stöbere durch die wenigen Kleiderständer, finde coole Teile meiner Lieblingslabels, entdecke ethische Brands, die ich noch nicht kenne und es reizt mich, auch ein Outfit zusammenzustellen. Nach der Umkleide und dem Make-up fühle ich mich fast ein wenig wie ein anderes Ich. Das macht es deutlich leichter, der Kamera zu begegnen und fängt nach einiger Zeit sogar an Spaß zu machen. Und genau das ist der Punkt: Der kleine Raum, in dem die Prepeek stattfindet, ist geprägt von Freude an schöner (und nachhaltiger!) Mode, von Gemeinschaftsgeist, Idealen und geteilten Visionen. Und das hat irgendwie eine ganz eigene Kraft.

(c) neonyt.berlin

Darüber spreche ich auch mit Kim, die als Kim goes eko über ethische Mode bloggt und in diesem Jahr Gastgeberin der Prepeek ist. Ich möchte von ihr wissen, warum die glitzernde Welt NEONYT, vor allem aber das Format Prepeek so wichtig ist, um die Bekleidungsindustrie nachhaltiger zu machen. Geht es darum, dass man mit Style und Coolness Menschen begeistern kann, die von der Konfrontation mit den Schattenseiten der Modeindustrie abgeschreckt werden? Ist der Glamour nötig, um eine breite Zielgruppe zu erreichen? Davon ist Kim überzeugt. „Wir zeigen, dass ethical fashion schön ist“, sagt sie. „Wir machen sie sexy!“

Aber einen weiteren Aspekt hebt sie ebenfalls hervor: Die Prepeek ist Treffpunkt für eine Community von ethical fashion Aktivist_innen. Mitten im Gewusel der Fashion Week gibt es hier den Raum, um sich zu vernetzen. Gemeinsam lässt sich einfach viel mehr bewirken. Auch ich sitze wenig später teetrinkend und ideenspinnend in der Sofaecke und überlege mit einer Gleichgesinnten, mit welchen Formaten man Aufklärungsarbeit besser in die Fashion-Welt integrieren kann. Anscheinend ist also etwas dran an diesem Ansatz.

Prepeek Community Talk (c) Messe Frankfurt GmbH

Am Ende des Tages glaube ich, dass Veränderungspotenzial der NEONYT-Welt besser verstanden zu haben. Natürlich ist es irritierend, von meinem Fair-Fashion-Arbeitsalltag, in dem die Schattenseiten der Bekleidungsindustrie allgegenwärtig sind, an einen Ort zu kommen, an dem ein völlig anderer Zugang zum gleichen Thema im Vordergrund steht. Kleidung ist beides, zum einen ist sie Spaß, Ausdruck und Selbstgestaltung, zum anderen die Verantwortung für das, was wir tragen und für die Geschichte, die dahintersteckt. Und was bringt Veränderung? Die Aufklärung über Zustände in den Produktionsländern kann ebenso abschrecken, wie sie Bewusstsein schaffen kann. Wenn wir ethische Mode „sexy“ machen, können wir vielleicht Menschen erreichen, die sich sonst eher nicht damit beschäftigen würden. Und an dieser Stelle kommt wieder die Community ins Spiel: Sie kann einen Raum schaffen, um langsam an bewussten Konsum heranzuführen und Möglichkeiten aufzeigen, wie Kleidung gleichzeitig stylisch und ethisch sein kann. Letztlich braucht es aus meiner Sicht mindestens beide Wege, um das Ziel einer nachhaltigeren Bekleidungsindustrie zu erreichen – und je mehr unterschiedliche, desto besser.


Vielen Dank an neonyt.berlin für die Teilnahme an der Verantaltung sowie die Fotos von der Prepeek und an Kim für das Kurzinterview!

Beitragsbild: Messe Frankfurt GmbH

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