Wie lange lebt die Kleidung von Morgen? Ein Gastbeitrag von Kristin Herold

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Wie kann die Nutzungsphase von Kleidung maximiert werden? Und was können Design, Technik, Wirtschaft und wir als Konsument_innen selbst dazu beitragen? Auf der Suche nach Antworten machten sich verschiedene Hochschulen auf und befragten Personen und forschten. Ein Gastbeitrag von Kristin Herold, die Textiltechnologie/-management in Reutlingen studiert.

„Lange lebendig – die Kleidung von Morgen?“das klingt in unserer schnelllebigen Gesellschaft fremd. In einer Gesellschaft, in der jedes Jahr ein neues Handy gekauft wird oder das T-Shirt schon nach einmal tragen in den Müll wandert. Es ist nur eine logische Schlussfolgerung, dass wir mit unseren Ressourcen nicht endlos in dieser Form umgehen können und unsere Kaufentscheidungen enorme Auswirkungen sowohl auf Mensch als auch auf Umwelt haben.

Wie kann die Nutzungsphase von Kleidung verlängert werden? Und was können Design, Technik, Wirtschaft und wir als Konsument_innen dazu beitragen?

Mit der Gründung des Forschungsverbund InNaBe beschlossen verschiedene Hochschulen sich diesen Fragen zu stellen und begaben sich auf eine dreijährige Suche nach Antworten. Um rauszufinden, wo genau die Chancen und Herausforderungen für einen nachhaltigen Kleidungskonsum liegen, wurden unter anderem 2000 Personen ab 18 Jahren befragt zu ihren Einstellungen und Verhalten im Kleidungsbereich.

Ein Ergebnis, das dabei nicht überrascht: Der Konsum hängt sowohl von unserem Alter, als auch unserem Kontostand ab. Heute Grufti Look, morgen Glamour Girl! Es dauert eben seine Zeit, bis der eigene Stil gefunden und damit verbunden die richtige Kaufentscheidung getroffen wird, um genau das Teil zu kaufen, das Jahre später noch im Schrank hängt.

Auch die geplanten Shopping-Touren am Wochenende tragen nicht zu einer verlängerten Nutzungsphase unserer Kleidung bei, sondern drängen ständig dazu, den Kleiderschrank von „Altem“ zu befreien und mit Neuem aufzufüllen. Was für die meisten, überwiegend Frauen, mit Spaß und Spontan-Käufen verbunden ist, stellt nur für einige wenige ein Horrorszenario dar. Und so kommt es, dass überraschenderweise Männer ihre Kleidung weniger lang tragen als Frauen und das Hose oder Hemd schon nach spätestens drei Jahren ausgedient hat. Meist sind es Schönheitsfehler wie Löcher, Flecken, eine ausgewaschene Farbe oder die Passform die für das Kleidungsstück das Ende bedeuten.

Obwohl für die meisten von uns die Probleme von übermäßigem Konsum und Massenproduktion sehr wohl bekannt sind, wird das Konsumniveau trotzdem nicht heruntergeschraubt. Stattdessen verdrängen wir die gravierenden Auswirkungen, wie schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Qualität, den Einsatz von Giftstoffen und Umweltverschmutzung, durch konsum-beschönigende Werbeanzeigen und Sparangebote, sowie die Glücksgefühle eines Kaufrauschs.

Auf der anderen Seite zeigt sich ganz klar: Potenzial zur Veränderung des Einkaufverhaltens ist auf jeden Fall gegeben. Viele Konsument_innen sind sich der Macht ihrer Kaufentscheidung und der damit verbundenen Verantwortung zur Veränderung durchaus bewusst und 40 Prozent davon sogar überzeugt. Doch Bewusstsein und grundsätzliche Offenheit für nachhaltig produzierte Waren allein schaffen keine Veränderung. Es sind noch immer vor allem die optischen und haptischen und nicht die sozialen und ökologischen Kriterien, die uns am Ende zum Konsumieren überzeugen. Ob H&M, Zara, Primark oder Co ist dabei egal. Längst zweifeln wir an der Glaubwürdigkeit der Hersteller und ihrer „nachhaltigen“ Produkte. Deshalb wäre ein staatliches Siegel für Kleidung, wie das BIO-Siegel für Lebensmittel oder der Blaue Engel, das eine umweltverträgliche und faire Produktion garantiert, durchaus hilfreich und ist von der Mehrheit der Befragten auch erwünscht.

Das Bild des altbackenen, unmodischen, öko-fairen Baumwoll-T-Shirts, sowie die Vorbehalte, es gäbe ein zu kleines und zu teures Angebot an fairer Mode, würden somit langfristig aus unseren Köpfen verschwinden und öko-fair Mode wäre die Regel.

Unabhängig davon ist es doch sehr beruhigend, das über 70 Prozent überzeugt sind: Kleidung ist keine Wegwerf-Ware und soll so lange wie möglich genutzt und nur dann aussortiert werden, wenn sie nicht mehr tragbar ist. So finden Angebote und Aktivitäten zur Verlängerung der Nutzungsphase viel Gehör und der Trend von Recycling, Upcycling und Second-Hand steigt. Auch wenn der Trend steigt, die Verbindung von einer geringen Auswahl und der Vorstellung „dieses Teil wurde bereits getragen“ schreckt den Otto-Normal-Verbraucher dann doch vom tatsächlichen Second-Hand-Kauf ab.

Zusammengefasst ist die Einschränkung des eigenen Kleidungskonsums für viele von uns vorstellbar. Aber leider ist das Verhalten der meisten noch weit davon entfernt nachhaltig zu sein. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft und der Politik die Anknüpfungspunkte zur Veränderung zu erkennen und zu nutzen, Angebote zu schaffen, die verschiedenen Potentiale der Zielgruppen zu nutzen und eine neue Kommunikation zu schaffen, in der nachhaltig produzierte Mode normal ist.

Jeder Einzelnen von uns kann dazu beitragen! Es ist Zeit sich selbst an der Nase zu packen und zu fragen: „Brauche ich das neue Oberteil wirklich?“ Denn wie Vivienne Westwood bereits sagte: „Buy less, choose well and make it last.”

Foto: privat

 

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