Warum wir am Internationalen Frauentag über Wasser und Mode sprechen müssen – Teil 1

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Ökologischer Fußabdruck schön und gut, aber was ist ein „Water Footprint“? Amira Jehia kämpft bei der Initiative Drip by Drip für einen sinnvollen Einsatz von Wasser in der globalen Textilindustrie. In ihrem Gastbeitrag erklärt sie uns, was unsere weltweit wichtigste Ressource mit Mode und Frauenrechten zu tun hat.

Heute am 8. März ist wieder Internationaler Frauentag. Überall auf der Welt finden Veranstaltungen statt, werden Frauen gefeiert und stellen sich internationale Organisationen, Parteien und Firmen als besonders frauenfreundlich dar. Schade nur, dass die meisten von ihnen das an den restlichen 364 Tagen im Jahr ganz und gar nicht sind. In nur zwei Wochen findet ein weiterer internationaler Tag zur Bewusstseinsschaffung statt. Am 22.März, dem Weltwassertag, werden wir alle daran erinnert, dass Wasser eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die wichtigste, Ressource unseres Planeten ist und wir dringend sparsamer damit umgehen müssen.

Dass diese beiden Tage so nahe beieinander liegen, ist sicher keine Absicht, durchaus aber sinnvoll. Denn Wasser ist ein Frauenthema.

Während die Polkappen schmelzen, nimmt in immer mehr Regionen die Wasserknappheit zu. Kapstadt ist das momentan wohl prominenteste Beispiel dafür. Doch auch in Indien und anderen Regionen trocknen die Flüsse aus. Insgesamt leben weltweit mehr als 700 Millionen Menschen in Gebieten mit akutem Wassermangel. Aber wo ist das ganze Wasser eigentlich hin? Haben wir doch schon in der Schule gelernt, dass Wasser Teil eines immer währenden Kreislaufs ist – es regnet herab, sickert in die Erde oder fließt in Flüsse und Meere, tränkt Pflanzen und Tiere, verdunstet schließlich, steigt auf und der Kreislauf beginnt von vorn. Wo also ist das Wasser?

An dieser Stelle muss man zwischen “Wasser” und “Trinkwasser” unterscheiden. Lediglich 2,5% unserer natürlichen Wasserreserven sind Süßwasser und damit zum Trinken geeignet. Der Rest ist salzig oder (glücklicherweise noch) in Eis gebunden. Zwar ließe sich das Wasser nutzbar machen, dafür müsste es aber aufbereitet werden. Die nötigen finanziellen Mittel dafür fehlen aber vielerorts. Und genau hier liegt die Ursache für das “Verschwinden” des Wassers. Je mehr wir die natürlichen Reserven für industrielle Zwecke nutzen, verschmutzen und hinterher nicht wieder aufbereiten, desto weniger bleibt für den alltäglichen Bedarf. So sind die globalen Wasserkrisen unserer Zeit entstanden. Hinzu kommen klimawandelbedingte Dürren in eh schon trockenen Regionen, die die Situation zusätzlich verschärfen. Mittlerweile sind davon Milliarden von Menschen betroffen, vor allem aber Frauen – aus fünf einfachen Gründen:

Faktor Zeit

In den meisten Regionen, in denen Wasser nicht aus dem Hahn kommt, sind Frauen und Mädchen dafür zuständig es aus Brunnen, Bächen oder anderen Quellen zu schöpfen und kilometerweit nach Hause zu tragen. Das Einholen von Wasser bestimmt dabei den Tagesablauf. Ihm wird alles andere untergeordnet. Verständlich, wenn man bedenkt, dass die trockensten Regionen in der Regel auch die Wärmsten sind.

Faktor Bildung

Die vielen Stunden, die die Frauen und Mädchen unterwegs sind, lassen kaum Zeit für andere Aktivitäten, neben dem Haushalt. Raum für Schule oder Hausaufgaben bleibt da nicht. Auch gehen die Frauen in der Regel vormittags zu den Wasserquellen, wenn es schon hell aber noch nicht zu heiß ist. Genau die Zeit in der, aus denselben Gründen, der Unterricht stattfindet.

Faktor Hygiene

In Ländern ohne direkten Wasserzugang im Haushalt, fehlt es ebenso an Toiletten. So auch in den Schulen. Selbst wenn die Tradition den Schulbesuch erlaubt, verlassen viele Mädchen spätestens dann die Schule, wenn sie in die Pubertät kommen. Ein Mangel an Toiletten bedeutet ein Mangel an Privatsphäre und damit ein Mangel an Orten für die Hygiene, die gerade zu Zeiten der Periode unerlässlich sind.

Faktor Gesundheit

Kulturelle Normen und ihre Anatomie machen es Frauen, ohne Zugang zu Toiletten, deutlich schwerer sich zu erleichtern, wenn es der Körper verlangt. Während bei Männern der Harndrang bei etwa 350-750 ml Füllmenge der Blase eintritt, liegt die Schwelle bei Frauen schon bei 250-550 ml. Vergleichbar mit der Menge von ein bis zwei Wassergläsern. Anatomisch gesehen ist es für Männer wesentlich einfacher dem Drang nach zu geben, wann immer er auftritt. Frauen müssen hingegen schon von klein auf lernen “anzuhalten” bis sich eine privatere Gelegenheit bietet. Auf lange Sicht kann dieses “Anhalten” jedoch zur so genannten Teacher’s Bladder führen, die sich durch starke Harninkontinenz auszeichnet. Was noch viel häufiger auftritt ist die, als “Frauenproblem” verschriene Blasenentzündung. Da die weibliche Harnröhre deutlich kürzer ist, als die männliche, kommen Blasenentzündung auch deutlicher häufiger bei Frauen vor. Der ständige Harndrang, durch den sie sich auszeichnet, macht die Abwesenheit einer Toilette noch unerträglicher. Hinzu kommen alle gesundheitlichen Risiken durch den Verzehr verunreinigten Wassers während der Schwangerschaft. Doppelte Verantwortung gleich doppeltes Leid.

Faktor Sicherheit

Neben den gesundheitlichen Faktoren, birgt der Wassermangel aber auch Sicherheitsrisiken für Frauen. Um sich ungestört erleichtern zu können, nutzen Frauen weltweit den Schutz der Dunkelheit. Dieser Schutz schafft aber auch Gelegenheit für potentielle Angreifer. Häufig finden Vergewaltigungen und andere Gewalttaten an Frauen gerade dann statt, wenn sie sich für ihren Toilettengang vor den sonst schützenden Augen der Gemeinschaft, verstecken. Ein weiterer Grund für Frauen den eigentlich nötigen Toilettengang aufzuschieben. Und hier schließt sich der Kreis.

In Anerkennung all dieser und zahlreicher weiterer Faktoren, haben die Vereinten Nationen vor drei Jahren 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung festgelegt. Ziel 6 ist der Zugang für alle Menschen zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen. Bis 2030 soll dieses Ziel erreicht sein. Heute, im Jahr 2018, sind wir davon noch meilenweit entfernt. Besonders für Frauen ein unzumutbarer Zustand.

Verstanden. Aber was hat das alles jetzt mit Mode zu tun?

Leider mehr als den meisten von uns bewusst ist. 80% der Textilarbeiter*innen weltweit sind Frauen. Angefangen beim Pflücken der Baumwolle bis hin zum Vernähen der Stoffteile, sind es hauptsächlich Frauen, die in dieser Industrie arbeiten. Unter welchen Bedingungen sie das tun, dürfte den meisten von uns inzwischen klar sein.

Und trotzdem ist unser Konsum ungebrochen. Laut einer Greenpeace-Studie gehen 40% der deutschen Frauen shoppen, obwohl sie gar nichts brauchen. Darüber hinaus sind wir für bis zu 80% aller Kaufentscheidungen verantwortlich, entweder als Beraterin oder Käuferin. Das macht uns zur “einflussreichsten Konsumentengruppe der Welt” und damit auch zu der Gruppe, die mit ihren Entscheidungen am meisten verändern könnte. An Tagen wie diesem, solidarisieren wir uns weltweit miteinander. Auch mit all den Frauen, auf deren Kosten wir den wöchentlich wechselnden Trends der Fast Fashion frönen. Wieso gerade heute und wieso nicht an den restlichen 364 Tagen im Jahr?

Im zweiten Teil ihres Beitrags erklärt Amira, was wir tun können, um Trinkwasserressourcen in der Bekleidungsindustrie zu schonen. Am Weltwassertag 2018 gibt es mehr Infos zum Thema von Drip by Drip in Berlin.

© Foto: Benedikt Fuhrmann, Frauen an einem Wassertank in Bangladesch

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