„Verbesserungen Schritt für Schritt“ – Katrin Bauer, CR-Managerin bei Deuter, im Interview

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Nicht nur in der Natur und unter Bergsteigern beliebt – die trendigen Rucksäcke von Deuter sieht man auch zunehmend auf den Rücken von Großstadt-Bewohner_innen. Vor fünf Jahren ist der Outdoor-Hersteller aus dem bayerischen Gersthofen der Fair Wear Foundation beigetreten. Katrin Bauer, CR-Managerin bei Deuter, spricht im Interview mit Johanna Hergt über nachhaltige Strategien, saubere Siegel und den Kampf gegen Überstunden.

Wie bist Du zu dem Job bei Deuter gekommen? Und was sind Deine Aufgaben als CR-Managerin?
Deuter ist 2011 der Fair Wear Foundation beigetreten und hielt daher nach einer Person Ausschau, die den Bereich Corporate Responsibility aufbaut, sich insbesondere der Themen Sozialstandards und Umweltschutz annimmt. Ich habe Soziologie studiert – und bereits als Werksstudentin stand für mich fest, dass ich im Bereich Nachhaltigkeit arbeiten möchte. Mein erster Job führte mich dann in den Bereich der Sozialstandards. Das waren gute Voraussetzungen, um mich auf die Stelle der CR-Managerin zu bewerben. Als CR-Managerin bin ich der Geschäftsleitung unterstellt und habe eine eigene Stabsstelle. Ich arbeite eng mit den Produkt- und Qualitätsmanagern zusammen, die sich auch mit Umweltthemen wie Schadstoffen befassen. Außerdem stehe ich in engem Austausch mit dem Supply-Chain-Manager, der für Bestellung, Vorausplanung und gleichmäßige Verteilung der Produktionen zuständig ist. Meine Arbeit ist sehr spannend, da jeder Tag anders ist. So übernehme ich etwa Aufgaben, die aus der Mitgliedschaft bei der Fair Wear Foundation erwachsen. Ich betreue unsere Lieferanten, was im Vergleich zu anderen Unternehmen recht übersichtlich ist, da wir lediglich zwei haben, mit denen wir bereits lange zusammenarbeiten. Das macht es einerseits einfacher. Andererseits ermöglicht dies erst eine tiefere Beschäftigung mit den Themen, etwa im Detail einen Corrective Action Plan zu erstellen.
Darüber hinaus lese ich alle relevanten Studien und Artikel, die über das Thema erschienen sind. Das betrifft gleichermaßen das Thema Umweltschutz – Deuter ist auch Mitglied beim Umweltstandard bluesign®. Ein bis zwei Mal im Jahr reise ich zudem nach Asien und besuche die Produktionsstätten. Außerdem begleite ich die Audits der Fair Wear Foundation in den Fabriken.

Katrin Bauer Quelle: Deuter

Seit 4 Jahren CR-Managerin bei Deuter: Katrin Bauer (Quelle: Deuter)

Wie laufen solche Besichtigungen ab?
Die Produktmanager sind regelmäßig in den Fabriken. Die Geschäftsleitung mindestens ein Mal im Jahr. Wann immer es sich einrichten lässt. Ich besuche die Fabriken mindestens einmal pro Jahr. Dort treffen wir das Management oder die CR-Verantwortlichen und tauschen uns kurz aus: Welche Themen stehen an, was gibt es Neues? Wenn es Neuerungen in der Fabrik gibt, machen wir einen ausführlichen Rundgang. Ein offizielles Audit der Fair Wear Foundation wird durch unabhängige Prüfer vor Ort durchgeführt, welche die Fabrik nach bestimmten Kriterien untersuchen, Interviews mit Management und Arbeiter_innen führen und Dokumente überprüfen.

Die Fair Wear Foundation hat Deuter jüngst für seine Bemühungen, Überstunden abzubauen, ausgezeichnet. Was steckt genau dahinter?
Kurz nachdem wir der Fair Wear Foundation beigetreten waren, ließen wir unseren Rucksackproduzenten in Vietnam auditieren. Damals wurden massive Überstunden festgestellt, gerade in der Hauptsaison. Auch das Rucksackgeschäft ist saisongetrieben – in den Wintermonaten wird wesentlich mehr produziert, was mit vielen Überstunden einherging. Wir setzten uns mit unserem Lieferanten zusammen, um Lösungen zu suchen. Das Ergebnis der Überlegungen war, dass zum einen wir unsere Prozesse anpassen mussten, zum anderen sollte der Produzent seine Kapazitäten erhöhen. Wir mussten steigende Aufträge zusichern, damit sich für ihn der Bau einer dritten Fabrik mit entsprechend mehr Personal auch lohnte. Inzwischen arbeiten dort 1000 Mitarbeiter_innen. Wir versuchen, den Produzenten gleichmäßiger auszulasten, so legen wir mehr Aufträge – insbesondere für Standardprodukte, sogenannte Durchläufer – in den Sommer. Gleichzeitig haben wir mit dem Neubau auch unser Lager vergrößert, um die Ware, die er im Sommer produziert, auch abnehmen zu können. Damit konnten wir die Überstunden reduzieren. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Da wir die Hälfte unseres Geschäftes in Deutschland und den Rest international abwickeln, mussten wir auch Importeure ins Boot holen und Anreize schaffen, damit diese ebenfalls mehr Aufträge im Sommer platzieren. Dafür mussten wir Überzeugungsarbeit leisten – und bleiben auch weiter am Ball, damit sich der Prozess positiv entwickelt.

Wie lange dauert ein solcher Prozess?
Auf jeden Fall mehrere Jahre. Ein Neubau lässt sich nicht von heute auf morgen errichten. Zunächst etablierten wir das System für Deutschland, im vergangenen Jahr gingen wir mit den internationalen Importeuren ins Gespräch. Der Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen. Es gibt viele äußere Einflüsse, die es zu beachten gilt, etwa wenn Textilien zu spät geliefert werden. Wer ein Problem angeht und Lösungen sucht, stößt auf weitere Dimensionen des Problems. Verbesserungen lassen sich nur Schritt für Schritt erzielen.

Wie profunde kann der Einblick in ausgelagerte Produktionsstätten in Vietnam sein, wenn Unternehmensvertreter ein bis zwei Mal im Jahr dort hinfahren?
Das lässt sich nicht verallgemeinern. Ich bin nur zwei Mal im Jahr vor Ort, unsere Produktmanager besuchen die Fabriken aber alle vier bis sechs Wochen. Im Gegenzug kommen unsere Produzenten auch zu uns. Durch diese sehr enge Zusammenarbeit haben wir einen recht tiefen Einblick in die Produktion und bekommen viele Informationen. Aber eine hundertprozentige Transparenz ist nur schwer zu realisieren.

Immer beliebter: Deuter Rucksäcke Quelle: Deuter

Immer beliebter: Rucksäcke von Deuter (Quelle: Deuter)

Habt Ihr durch die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation einen besseren Überblick gewonnen?
Auf jeden Fall. Vieles, was im Unternehmen früher mehr aus dem Bauchgefühl heraus gesteuert wurde, läuft jetzt systematischer. Das Thema Überstunden hätten wir vermutlich nicht in dieser Klarheit erkannt. Es wäre nicht quantifizierbar gewesen, vermutlich hätten wir zunächst bemerkt, dass die Qualität der Produkte leidet. Die Audits der Fair Wear Foundation zeigen dies schwarz auf weiß und bringen das Thema auf die Agenda. Ich prüfe nun regelmäßig nach, insbesondere in der Peak Season lasse ich mir eine Übersicht der Überstunden geben.

Honorieren die Kunden dieses Engagement für faire Arbeitsbedingungen?
Ja und nein. Die Kund_innen im Einzelhandel sind sehr gespalten. Einerseits setzen sie voraus, dass ein Markenhersteller wie wir sich um diese Themen kümmert, andererseits wissen sie durch Kampagnen, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Ob sie aus Gründen der Nachhaltigkeit ein Produkt von Deuter oder das eines anderen Herstellers kaufen, darüber haben wir keine verlässlichen Zahlen.

Kann Deuter den Erfolg dieses nachhaltigen Engagements denn in irgendeiner Weise messen?
Das ist eine Überzeugungsfrage. Wir glauben, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Wir wollen unsere Arbeit gut machen. Eine Belohnung ist die Anerkennung der Fair Wear Foundation, dass wir beim Brand Perfomance Check wieder Leader geworden sind oder einen Preis gewonnen haben. Darüber spricht auch der Handel.

Ihr seid Mitglied bei dem Umweltsiegel bluesign®, das einige Organisationen kritisch sehen, da die Sozialstandards kaum eine Rolle spielen. Was überzeugt Euch von diesem Siegel?
bluesign® hat im Bereich der Kunstfasern die beste ökologische Bilanz. Für mich ist bluesign® ganz klar ein Umweltstandard. Es fordert aber auch eine Überprüfung der Sozialstandards. Für mich bildet bluesign® eine gute Ergänzung zur Fair Wear Foundation, kann diese Mitgliedschaft aber keinesfalls ersetzen. Das ist ein ganz anderer Schwerpunkt. Wir sind seit 2008 Mitglied bei bluesign®. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, wie sich das Siegel entwickeln würde. Mittlerweile ist es zu einem starken Label im Bekleidungsbereich geworden. Es ist auf vielen Textilien zu sehen, viele Lieferanten haben es im Angebot.
Demgegenüber ist die Nachfrage im Rucksackbereich vermutlich noch nicht so stark. Es gibt etliche Materialien, die wir nicht in bluesign®-Qualität bekommen können. Oder es gibt sie nur zu Preisen, die nicht wettbewerbsfähig sind. Beispielsweise Schaumeinlagen für die Schulterträger oder den Rücken. Wir arbeiten daran, indem wir mit Lieferanten sprechen und immer wieder nachfragen. Wir prüfen regelmäßig den Markt, aber es ist momentan nicht einfach. Das Thema Sozialstandards ist bereits stärker in der Branche verankert – im Outdoor-Bereich ist die Mitgliedschaft bei der Fair Wear Foundation fast ein Mindeststandard. Das erleichtert die Arbeit, weil dafür auch die Lieferanten Verständnis haben – mehr als für komplexe Umweltthemen.

Es gibt Fabriken, die aus Kostengründen mit vielen Lieferanten arbeiten. Ihr habt euch bewusst dagegen entschieden – warum?
Wer viele Lieferanten hat, hat in der Regel weniger Einfluss. Wir können über unsere Produktionsplanung direkt das Volumen steuern, weil wir der einzige Kunde sind. Wer in Fabriken produzieren lässt, wo die eigenen Aufträge nur fünf Prozent der Produktion ausmachen, kann noch so viel planen. Wenn die restlichen 95 Prozent nicht gut geplant sind, sind die Einflussmöglichkeiten sehr gering. Die Anzahl der Lieferanten hängt auch davon ab, wie vielfältig oder komplex die Produktpalette ist. Gerade bei komplexen Outdoor-Produkten ist es ratsam, Lieferanten langfristig an sich zu binden. Bei einem einfachen T-Shirt ist es hingegen nicht so entscheidend, ob A oder B produziert.

Deuter produziert in Vietnam und China. Die Produktionsbedingen in China wandeln sich, die Löhne steigen. Das ist für viele Hersteller ein Grund, die Produktion in andere, günstigere Länder zu verlegen…
Unser Partner für Schlafsäcke, mit dem wir seit zwölf Jahren zusammenarbeiten, hat eine weitere Fabrik in Myanmar eröffnet – und wir sind ihm dorthin gefolgt. Wir haben uns ganz bewusst für diese Partnerschaft entschieden. Wir begleiten den Bau der neuen Fabrik und werden sie im nächsten Jahr auditieren lassen. Da es das gleiche Management ist, bin ich, was die Arbeitsbedingungen angeht, guter Dinge. Und dass der eigene Lieferant – aus welchen Gründen auch immer –, seinen Standort wechselt, kann man nicht verhindern.

Wie wird sich die Branche Deiner Meinung in den nächsten Jahren verändern?
Gerade die Outdoor-Branche ist auf einem sehr nachhaltigen Weg. Das spiegelt sich insbesondere in der großen Dichte der Fair-Wear-Foundation-Mitgliedschaften wider. Oder auch darin, wie viele Hersteller dem Umweltstandard bluesign® beigetreten sind. Die größere Baustelle ist der Chemiebereich, wo es noch viel Nachholbedarf gibt.

Würdest Du Dir in dieser Hinsicht auch vom Gesetzgeber striktere Regelungen wünschen?
Ich weiß nicht, ob das wirklich die Lösung ist. Es geht eher darum, die schon bestehenden Regelungen durchsetzen. Was ich mir wünschen würde ist, dass der Kunde das Engagement der Firmen honoriert. Jeder hat die Wahl, was er kauft – und das jeden Tag. Wir haben schon Gesetzgebungen darüber, wie ein Produkt sein darf, aber das sagt wenig darüber aus, wie der Herstellungsprozess in den Produktionsländern abgelaufen ist und ob die lokale, zum Teil sehr starke, Gesetzgebung befolgt wurde. Der Label-Dschungel verunsichert die Konsument_innen, aber es gibt bereits glaubwürdige Siegel. Kund_innen können beispielsweise Produkte von Unternehmen kaufen, die Mitglied bei der Fair Wear Foundation sind. Aber häufig liegt das Augenmerk lediglich auf Preis oder Verfügbarkeit. Es braucht beides: mündige Konsument_innen und eine nachhaltige Gesetzgebung.

Das Interview führte FEMNET-Geschäftsführerin Johanna Hergt.

Foto oben: Produktionsräume der Firma Duke – seit über 20 Jahren Partner von Deuter für Rucksäcke, Taschen und Accessoires. (Quelle: Deuter)

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