Re-, Up-, Down-Cycling oder einfach auf den Kompost.. Nachhaltigkeit wird rund

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Faire Medien Slow Fashion Upcycling

Die Zukunft der Nachhaltigkeit verläuft in Kreisen. Eine runde Sache also!? Ja, das Denken in Kreisläufen scheint eine sehr gute Idee zu sein. Es schafft Bilder, die Nachhaltigkeit endlich greifbarer machen und von Konsumenten wie auch Produzenten und Händlern als sinnvoll wahrgenommen wird. Und was heißt das nun für Konsumenten und solche die es nicht mehr sein wollen?

Text: Max Gilgenmann

Nun, Nachhaltigkeit, so sagt manch eine/r, ist heutzutage in aller Munde. Und das ist ja auch, sowohl medial wie auch wortwörtlich, wahr. Insbesondere wenn wir bedenken, dass die Lebensmittelbranche eine Vorreiterrolle darin spielt, wie der Massenmarkt massenhaft nachhaltigere Produkte aufnehmen und vertreiben kann. Und zumindest gefühlt sind bio-angebaute und fair-gehandelte Produkten überall verfügbar, insbesondere die ‚Basics’ des täglichen Bedarfs —Milch, Butter, Eier, Kaffee und Schokolade sowie diverse Gemüse und Früchte— gibt es heutzutage flächendeckend auch in einer Bio- und/oder Fair-Qualität.

Das alles in einem Markt der besonders in Deutschland, ebenso wie die globale Textil- und Modeindustrie, enorm preisgetrieben ist. Zwar ist der reale Marktanteil an nachhaltigkeitszertifizierten Produkten nach wie vor deutlich geringer als deren Präsenz im öffentlichen Raum — sprich primär im Einzelhandel und in allen Medienkanälen—, aber die Auswirkungen im Sinne einer Transformation der Industrie hin zu deutlich mehr Transparenz und nachhaltigeren Produkten für Mensch, Tier und die restliche Natur, ist im vollen Gange.

…aber wer hat schon Lust auf recycelten Orangensaft? Fashion-Innovatoren!

Von dieser Dynamik scheinen wir in der Textil- und Modeindustrie noch zwei, drei Ecken entfernt zu sein. Das hat leider auch ganz gute Gründe. Die Liefer- und Wertschöpfungsketten für Bekleidung sind oft um ein vielfaches komplizierter als die für Lebensmittel. Das wird einem unter anderem schnell klar, wenn wir uns vor Augen führen, über was für Rohmaterialien beziehungsweise über was für Herstellungs- und Entsorgungsverfahren wir sprechen. In der Lebensmittelbranche geht es immer noch primär um organische Materialien, die angebaut und gehandelt werden. Das heißt, dass wir mit dem relativ einfach darstellbaren Doppelwunsch nach bio-fairen Lebensmitteln schon sehr weit kommen und das Ganze mit bestem Gewissen am Ende kompostieren können. In der Textilbranche sprechen wir zwar auch seit vielen Jahren davon, wieviel besser eine bio-faire Lieferkette sein kann, aber einerseits ist dies nur auf Naturfasern anwendbar (die mittlerweile weniger als die Hälfte des Fasermarktes ausmachen) und anderseits lässt es den gesamten Komplex des Re-, Up- und Down-Cyclings sowie auf Kompostierbarkeit ausgelegte ‚man-made’ Fasern weitestgehend außer Acht.

Dabei sind genau das die Bereiche, in denen sich in den letzten Jahren am meisten in technische wie auch nachhaltige Innovation investiert wird. Und es sind die Bereiche, die in Anbetracht der gefühlt unendlichen Müllressourcen — die wir uns in weiser Voraussicht der schwindenden natürlichen Ressourcen über die letzten Jahrzehnte in großindustriellem Stile aufgebaut haben — ein besonders großen Potential für global gerechtere und kreislauffähigere Lieferketten bietet. Neben neuen Technologien zum Recycling von Fasern und zunehmend auch Stoffen aus verschiedenen Fasersorten, arbeiten derzeit diverse Start-Ups an Fasern und Stoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Algen oder auch Abfallprodukten der Lebensmittelbranche wie Reste aus der Orangensaftproduktion oder der Milchindustrie. Zudem professionalisiert sich auch der Zweig des sogenannten Upcyclings von der Einzelproduktion zu serieller Fertigung — trotz meist einzigartiger — Mode.

Also — auch wenn dieser kurze Artikel sich kaum damit beschäftigt hat, so bleibt doch das Thema Fairness und Transparenz für alle Arten von Produktions-, Liefer- und Wertschöpfungsketten höchst relevant und bildet in diesem Sinne die Basisformel für Nachhaltigkeit in Food & Fashion.

Aber — während das Denken in Kreisläufen in der Lebensmittelbranche zu einer erhöhten Aufmerksam- und Achtsamkeit für die Vermeidung von Verpackungsmüll sowie generell Zero Waste Konzepten führt, so darf man gespannt bleiben, wann die Bekleidungsbranche Dank des Kreislaufdenkens die globale Vorreiterrolle im Nachhaltigkeitsdiskurs für Konsumgüter übernimmt — der beispiellose jahrzehntelang aufgebaute Innovationsstau in der Textil- und Modeindustrie führt derzeit zu einem Schulterschluss von Technologie- und Nachhaltigkeitsbegeisterten, die gemeinsam mit Hochdruck an der Kreislauffähigkeit der gesamten Branche arbeiten.

Max Gilgenmann ist 36 Jahre und hat einen Bachelor of Arts in Fashion Design an der Nottingsham Trent University und an der Hongkong Poly Technical University gemacht. Derzeit arbeitet er als Berater und Netzwerker in Berlin. Im Rahmen der Ethical Fashion Show Berlin hat er uns ein Interview gegeben.

Foto: Janine Kühn

2 Kommentare

  1. Ich stimme dem Allgemeinargument von Max Gilgenmann zu. Die Textilindustrie, als zweitgrößter Umweltverschmutzer der Welt steckt in einer (Un)Nachhaltigkeitskrise. Ein systemischer Wechsel ist nicht nur erforderlich, sondern dringend notwendig.

    Meine eigene Forschung richtet sich auf Klein- und Mittelbetriebe in der Textilindustrie aus, in welcher nachhaltige Geschäftsmodelle genauer unter die Lupe genommen werden. Algen, Milchreste und Orangenfasern, o.ä. sind in der Industrie durchaus bekannte Innovationen. Das Grundproblem mit diesen Innovationen ist jedoch, dass sie noch wenige Eigenschaften dieser „man-made“ Fasern jener Textilien gleichen die man als Konsument gewohnt ist.
    Wie hier porträtiert, leidet die Textilindustrie an einem „Beschaffungsproblem“. Ich würde dieses allerdings in ein „Value Chain“ Problem umformulieren. Im Zeitalter des übertriebenen Konsums (Fast-Fashion) und Fehleinschätzung von Marktpreisen auf Seite des Konsumenten wird wohl keine Modefirma das Risiko eingehen den harterkämpften Verkauf eines zu billigen T-Shirts an den billigeren Konkurrenten zu verlieren. Da müssen sich wohl die Konsumenten in Europa, Nord Amerika etc. an die Nase fassen, und noch wichtiger, die scheinbar gelähmte Politik, welche bis Dato daran scheitert nachhaltige Unternehmen zu fördern oder umnachhaltige Unternehmen zu strafen.
    Auf unternehmerischer Ebene, könnte wagen alteingesessene Produktionsmodelle zu revolutionieren: Keine Saisonen, Fast Fashion produziert durch „fast material“ wie kompostierbare textilähnliche Holzfasern, Orangenfasern o.ä. und Slow Fashion produziert mit „slow material“ wie Polyester, schlagend hier ist die Reinheit des Produkts, dann ist auch das Recyceln keine technologische Herausforderung mehr.

    Wie auch kurz angedeutet im Beitrag: Ein ebenso gleichwertiger Aspekt der (Un)Nachhaltigkeit der Textilindustrie ist die Frage Ausbeutung von Arbeitern in Produktionsländern. Weder bejubelte Zertifizierungsprogramme, noch Code of Conducts scheinen die sozialen Probleme nachhaltig zu lösen.

    Eine durchaus problembehaftete Industrie, die nicht von heute auf morgen revolutioniert werden kann. Zur Frage der globalen Vorreiterrolle gibt es auf Seiten von vielen Klein- und Mittelbetrieben in der Modebranche eine geeinte Meinung: Gehindert werden jene die versuchen nachhaltiger zu arbeiten, solange es profitabler ist unnachhaltig zu wirtschaften.

  2. Solange es nicht um recycelte Nahrung auf dem Teller geht 🙂
    Also für Bekleidung find ich das nicht weiter schlimm – besser als Plastik

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