Orientierung für faire Mode – Interviews zum neuen Fair Fashion Guide: Teil 1

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Der erste bundesweite Fair Fashion Guide ist am 22. April 2017 erschienen, kurz vor dem Gedenktag an Rana Plaza. Auf 34 Seiten zeigen Profi-Models faire Mode, die unter menschenrechtlich verantwortlichen Bedingungen hergestellt wurde. Zudem gibt es Tipps zum nachhaltigen Konsum: von der Kleiderpflege über’s Teilen und Tauschen bis zum Up-Cycling. Der Guide ist eine Zusammenarbeit von FEMNET,  Beneficial Design Institute Berlin (Friederike von Wedel-Parlow, Chefredaktion) und Nicole Hardt (Creative Direction). Wir haben mit den Macherinnen des Hefts gesprochen. Heute: Dr. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von FEMNET.

Kannst du dich bitte kurz vorstellen?
Ich bin Gisela Burckhardt, geschäftsführender Vorstand von FEMNET, einer Frauenrechtsorganisation mit Sitz in Bonn, die sich für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt. Wir sind auf verschiedenen Ebenen aktiv: Betreiben einerseits politische Lobby- und Kampagnenarbeit – so sitze ich für die Zivilgesellschaft im Steuerungskreis des vom BMZ gegründeten Bündnisses für Nachhaltige Textilien – , klären zum anderen Konsumentinnen und Konsumenten auf und sind gut mit lokalen Partnerorganisationen in Indien und Bangladesch vernetzt. Ich selbst arbeite bereits seit über 15 Jahren zu dem Thema im Rahmen der Kampagne für Saubere Kleidung und des Netzwerks für Unternehmensverantwortung, CorA. Seit rund 20 Jahren bin ich zudem entwicklungspolitische Gutachterin, Autorin des Buches „Todschick -Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert“ und setze mich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie weltweit ein. Ich bin außerdem Herausgeberin des Buches „Corporate Social Responsibility. Mythen und Maßnahmen“, ein Buch, das einen kritischen Blick auf die Unternehmensverantwortung wirft. Im Jahr 2016 erhielt ich den von der Heinrich-Böll-Stiftung vergebenen Anne-Klein-Frauenpreis als Würdigung meiner Arbeit, die Preissumme über 10.000,- EUR habe ich unserem Verein FEMNET gespendet. Ich habe zahlreiche Textilfabriken in Bangladesch, Indien, China, Vietnam, Bulgarien und der Türkei besucht. Als entwicklungspolitische Expertin war ich jahrelang im Auslandseinsatz in Nicaragua, Pakistan und Äthiopien, unter anderem für das Entwicklungsprogramm der UNO (UNDP) und für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Warum wollte FEMNET den Fair Fashion Guide machen?

Der Entstehungsprozess des Fair Fashion Guide. (c) FEMNET

Wir haben bereits vor einigen Jahren einen Einkaufsführer für Bonn erstellt, der bei den Konsumentinnen und Konsumenten sehr gut ankam. Denn immer noch wissen viele nicht, dass faire Kleidung schön und vielseitig ist. Ebenso wenig, wo sie diese Kleidung finden. Letztes Jahr haben wir zudem für Köln zusammen mit der Modeakademie AMD einen Guide konzipiert. Beide Einkaufsführer sind bereits vergriffen. Auf www.buygoodstuff.de haben wir die Ergebnisse für Köln digitalisiert, Bonn wird folgen. An den Rückmeldungen bei Veranstaltungen merken wir, dass Verbraucher_innen mehr Infos wollen, da Unternehmen selten offenlegen, wo und wie ihre Ware hergestellt wird. Dieser Fair Fashion Guide richtet sich an Menschen, die gern fair und umweltschonend produzierte Kleidung kaufen möchten, aber nicht wissen, wie sie diese finden, sowie an Menschen, die generell bewusster konsumieren möchten, d.h. auch insgesamt weniger kaufen und die eigene Kleidung besser pflegen.
Welche Rolle hast du in der Umsetzung übernommen?
FEMNET ist Herausgeber und somit hauptsächlich für den Inhalt verantwortlich. Uns war es wichtig zu zeigen, wo und unter welchen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, also gewissermaßen die Schattenseiten der Mode. Denn natürlich soll Mode Spaß machen und schön sein, aber das kann sie nur sein, wenn niemand dafür leidet. Wenn die Produktion Mensch und Umwelt achtet. Alles andere ist unmenschlich und kann eigentlich nicht als chic und modern bezeichnet werden. FEMNET  hat seine inhaltliche Expertise in dieses Projekt eingebracht, wir beschäftigen uns ja schon seit  zehn Jahren mit den katastrophalen Produktionsbedingungen in der Bekleidungsindustrie, setzen uns im Rahmen der Kampagne für Saubere Kleidung für entlassene Arbeiter_innen ein, unterstützen ihre Kämpfe für mehr Lohn und gegen Diskriminierung und unterstützen auch konkret mit einem Solifonds Frauen in Indien und Bangladesch, die ihre Rechte vor Gericht einklagen. Wir kommen also von einer Menschenrechtsperspektive und haben mit Friederike und Nicole Partnerinnen gefunden, die ähnliche Vorstellungen vom Endergebnis und gleichzeitig einen anderen Blick auf das Projekt hatten.
Was wünscht ihr euch für den Fair Fashion Guide?
Wir hoffen, dass der Guide gut ankommt und dass ihn auch Menschen zu sehen bekommen, die sonst bei H&M und Primark shoppen. Und natürlich wünschen wir uns, dass Menschen bewusster konsumieren, anders und vielleicht auch weniger.

Der Fair Fashion Guide ist erhältlich über: FEMNET e.V., Kaiser-Friedrich-Str. 11, 53113 Bonn, www.femnet-ev.de gegen eine Schutzgebühr von 1,- EUR/Exemplar plus Versandkosten.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews.

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