„Made in Ethiopia“ – eine Feldforschung zur Textilindustrie Äthiopiens

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Allgemein International Studium
Näherinnen in Fabrik in Addis Ababa © 2018 Nikola Walz

Was zunächst ein wenig an die Zauberwürfel der 80er Jahre erinnert, hat sich unlängst zu einem bekannten Symbol im Kontext von Nachhaltigkeit etabliert: die Sustainable Development Goals (SDGs). 17 bunte Würfel, die die globalen Ziele der UN im Rahmen der Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung symbolisieren. Mit deren Umsetzung hat sich die Studentin Nikola Walz in ihrer Masterarbeit im Rahmen des Studiengangs „Sustainability Economics and Management“ beschäftigt. Hierzu reiste sie nach Äthiopien und untersuchte die Wirksamkeit der Maßnahmen und Absichten am Beispiel der Textil- und Bekleidungsindustrie. In ihrem Beitrag auf unserem Blog schildert sie nun einen Teil ihrer Ergebnisse und Eindrücke.

Mit der Verabschiedung der United Nations Sustainable Development Goals (SDGs) wurde im Jahre 2015 eine globale Agenda zur nachhaltigen Entwicklung formuliert. Immer mehr Investoren suchen gezielt nach Projekten, die sich der aktiven Umsetzung dieser Ziele verschrieben haben. Eine Entwicklung, deren Erfolg jedoch schwer messbar ist. Um den Beitrag der Projekte an der Zielerreichung der SDGs quantitativ und qualitativ skalieren zu können, haben sich daher verschiedene Wirkungsmessungsansätze etabliert. Einen von ihnen habe ich gewählt, um im Rahmen meiner Masterarbeit „Impact 360° Standard of the imug consulting company for social-ecological innovations“, am Beispiel der Textil- und Bekleidungsindustrie ein Projekt in Äthiopien zu evaluieren.

Die aufstrebende Textil- und Bekleidungsindustrie Äthiopiens hat die Möglichkeit einen bedeutenden Beitrag zu den SDGs zu leisten und beispielsweise die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Arbeitsplatzschaffung, die Verwendung von nachhaltigen Materialen oder das Adaptieren von internationalen Standards umzusetzen und zu fördern. Durch mein Interesse an dieser Industrie, entsprechende Seminare und meine Tätigkeit als Referentin bei FEMNET wusste ich: die Anzahl der Produktionsverlagerungen großer Fast-Fashion Konzerne von Asien in das ostafrikanische Gebiet steigt rasant. Ein ideales Land also, um die Wirksamkeit bestehender Projekte zu erforschen.

So machte ich mich Ende 2018 auf den Weg an das Horn von Afrika. Mit dabei waren die Neugier, mir ein eigenständiges Bild von der äthiopischen Textilindustrie zu machen, die Hoffnung, ein geeignetes Projekt zu finden und ein Kopf voller Fragen. Fragen wie: Wie werden die Fabriken aussehen? Wird man mir den Zugang gewähren? Wie wirken die Arbeiterinnen und Arbeiter auf mich? Wie sieht es mit der Gebäudesicherheit und den Umwelteinflüssen aus? Werde ich Übersetzer_innen benötigen? Wird überhaupt jemand mit mir zusammenarbeiten wollen? Und weshalb ziehen die Modekonzerne eigentlich zunehmend nach Äthiopien?

Letzterer Frage ging ich als erstes nach: Das Land bietet aus Wettbewerbssicht zugleich mehrere Vorteile. Zum einen sind die Löhne niedriger als beispielsweise in Bangladesch oder China. Zum anderen sind die Transportwege kürzer nach Europa. Des Weiteren erleichtert der 2018 geschlossene Friedenspakt mit Eritrea die Produktion. So ist es nun möglich, die Häfen des Nachbarlandes für Import und Exportzwecke zu nutzen und die Tatsache, dass Äthiopien auf eine lange textile Tradition zurückblickt macht das Land ebenfalls attraktiv.  Auch die äthiopische Regierung leistet ihren Beitrag und hat einen nationalen Growth Transformation Plan (GTP) erstellt, in dem ausdrückliche Maßnahmen zur Erreichung der SDGs festgelegt wurden und der Textilindustrie eine gesonderte Rolle zugeschrieben wird.

Wie dies erreicht werden soll?

Mit einer ansteigenden Anzahl an Auslandsinvestitionen, welche zum Großteil aus China, Bangladesch und Indien kommen. Von über 115 Fabriken in Addis Ababa, sind nur die Hälfte in den Händen lokaler Unternehmer. Dies wird schnell deutlich, wenn man durch die Millionenstadt fährt; so springen auch mir etliche chinesische Zeichen ins Auge, die an den Gebäuden angebracht sind. Fraglich bleibt jedoch, ob unter dem Druck der Regierung, mit Hilfe der ausländischen Investoren 350.000 neue Arbeitsplätze bis zum Jahre 2025 zu schaffen, die sozialen Belange der Gesellschaft sowie ökologischen Auswirkungen berücksichtigt werden. Um diesem Zweifel nachzugehen, kontaktierte ich diverse Textilproduzenten, besuchte Textilmärkte, sprach mit NGOs und weiteren Anspruchsgruppen – zunächst vergeblich. Der Zugang zu den neu gebauten, riesigen Industrieparks, in denen mitunter Kleidung produziert wird, wird bedauerlicherweise nur Investoren gewährt. Und auch sonst war es schwierig mit der äthiopischen Gesellschaft über mögliche Miseren in dem Sektor zu sprechen.

Nach anfänglichen Komplikationen hatte ich dennoch Glück. Ich konnte einen mittelständigen Bekleidungshersteller für mein Vorhaben gewinnen, der unter anderem für Lidl und H&M produziert. Das Unternehmen sitzt in Addis Ababa sowie in Butajira, einer Stadt circa 300 km südlich der Hauptstadt. Es geht um die Produktion von konventioneller Kleidung, weshalb ich leider keine nachhaltigen Materialien erwarten konnte und auch Rohstoffe wie Baumwolle nicht regional bezogen wurden. Schade, denn Äthiopien sowie einige Nachbarländer eignen sich sehr gut für den Baumwollanbau. Doch statt auf lokale Rohstoffe zu setzen und den ökologischen Landbau zu fördern, stammten die Materialien aus dem asiatischen Raum. Allerdings stellt die Versorgung mit Rohbaumwolle für die äthiopische Textilindustrie zunehmend ein Problem dar, denn einige asiatische Länder verringern ihre Exporte des Rohstoffes. Die Versorgung mit lokaler Baumwolle muss daher ausgebaut werden. Neben den wirtschaftlichen Aspekten, auch im Hinblick auf SDG 12, der Förderung eines verantwortungsbewussten Konsums und Produktionswesens, eine zentrale Notwendigkeit.

SDG 8 und 5: menschenwürdige Arbeit für alle?

Die beiden Fabriken, die ich besuchte, waren bis auf wenige Mängel in gutem Zustand. Dies wurde auch durch Audit Reports, in die ich Einblicke erhielt, bestätigt. Die wahren Tragödien sah man nicht. Doch blickte ich in die traurigen Gesichter der größtenteils weiblichen Arbeiterinnen, wurde mir die latente Gefahr der Ausbeutung bewusst. Die Bestätigung erhielt ich während eines Interviews mit dem Nachhaltigkeitsmanager. Die Näherinnen in Butajira verdienen 600 Birr pro Monat, das entspricht 19 Euro, in Addis sind es 48 Euro, da die Lebenskosten höher sind. Ein existenzsichernder Lohn wurde von einer lokalen NGO für das Jahr 2019 mit 4.130 Birr (128 Euro) berechnet – der zweieinhalbfache Wert. Gesetzlich geregelt ist allerdings nicht einmal ein Mindestlohn und dies steht auch derzeit nicht zur Debatte. Es wird keine Kinderbetreuung angeboten. So geben 90 Prozent der Frauen ihren Arbeitsplatz nach der Geburt auf, oder lassen ihre Kinder bei den Großeltern. Ich hatte dem Textilunternehmen angeboten, den Kontakt mit FEMNET herzustellen, um eventuelle Möglichkeiten einer Betreuungseinrichtung zu besprechen. Doch es bestand kein Interesse, denn Näherinnen und Arbeitssuchende gibt es in Äthiopien wie Sand am Meer. Geht die Eine, kommt nahtlos die Nächste.

SDG 3: Ein gesundes Leben für alle?

Ein Gefühl von Ohnmacht durchfuhr mich, als ich sah, wie die Menschen um die Fabriken herum lebten. Ich weiß nicht einmal, ob man diese Behausungen „Slums“ nennen kann. Latrinen, Hütten mit Plastikplanen als Dächer, Kinder, die im Freien ihr Geschäft verrichteten, die in Dreck standen und Reste von weggeworfenen Lebensmitteln vom Boden aßen. Nicht zu vergessen: die Berge an Müll und die verschmutzten Flüsse, in denen sie teils standen. Der Gedanke an diese Bilder treibt mir noch heute Tränen in die Augen. Ich sah auch einige Arbeiterinnen und Arbeiter aus den Hütten kommen und zu den Fabriken laufen. Der Lohn reicht demnach nicht einmal für ein würdiges Zimmer.

Laut GIZ hat die äthiopische Regierung 16 von 21 relevanten internationalen Umweltschutz Vereinbarungen unterschrieben und 20 der ILO Konventionen ratifiziert. Doch dies wird bisher nicht optimal implementiert und es gibt keine beständige Überwachung. Fest steht, dass die äthiopische Regierung in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern einen langen, steinigen Weg vor sich hat, um nicht wie die asiatischen Textilproduktionsländer den Lauf in die Teufelsspirale zu gehen. Auch die deutsche Bundesregierung fördert in Äthiopien Programme, um menschenwürdige Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen und die Umwelt- und Sozialstandards zu verbessern. Hierzu arbeitet das BMZ mit über 100 Textilunternehmen zusammen, die insgesamt circa 64.000 Mitarbeiter_innen beschäftigen.

Insgesamt haben das Land und die Leute, die so stolz auf ihr Äthiopien sind, mich sehr beeindruckt. Und das nicht nur wegen der atemberaubenden Landschaft, der Geschichte, des Essens oder des Kaffees. Ich habe schon einige Länder bereist und weiß, um mein Privileg, in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein. Doch noch nie wurde mir dies so bewusst wie in Äthiopien.



Anmerkungen:

Fotos © Nikola Walz

Ein Text von Nikola Walz. Bei den Blogbeiträgen handelt es sich um persönliche Erfahrungen und Ansichten. Weitere Informationen zur Textil- und Bekleidungsbranche in Äthiopien sowie der Rolle des BMZ vor Ort und mögliche Kritikpunkte findet ihr auf der FEMNET Homepage unter folgenden Links:

https://femnet.de/index.php/themen/myanmar-und-aethiopien/866-wie-ist-die-situation-von-frauen-in-den-aufstrebenden-textilmaerkten-aethiopien-und-myanmar-im-vergleich-zu-bangladesch-eine-analyse

https://femnet.de/termine-aktuelles/nachrichten-uebersicht/nachrichten/termine/1198-vortrag-neue-maerkte-neue-chancen-frauen-in-der-textilindustrie-von-aethiopien-und-myanmar.html

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