Existenzlöhne zahlen? Die Bekleidungsindustrie in Osteuropa – Teil II

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International Interview Label

Im ersten Teil unserer Osteuropa-Serie haben wir versucht einen groben Überblick über die dortigen Arbeitsbedingungen zu geben – mit dem Fokus auf der Lohnproblematik. Für den zweiten Teil haben wir angekündigt einen näheren Blick darauf zu werfen, ob und wie es möglich ist die teilweise schwierigen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Zu diesem Zweck haben wir verschiedene Fair Fashion Label angefragt, die in Osteuropa produzieren lassen. Kings Of Indigo ist eine dieser Firmen und wir sind froh, dass wir Margreeth Dronkert gewinnen konnten, um einige unserer Fragen zu beantworten. Wir werden sehen: Es kann tatsächlich möglich sein, bestimmte Aspekte der Bekleidungsproduktion zu verbessern, sofern man gewillt ist die Herausforderungen anzunehmen, die damit einhergehen. [Please find an English version below.]

Kings Of Indigo (KOI) produziert in erster Linie Jeans und Denim, wobei auch die Herstellung anderer Kleidungsstücke über die letzten zwei Jahre hinweg zugenommen hat. Margreeth ist zuständig für alle Zulieferer dieses zweiten Bereichs sowie für alle Zulieferer im Sinne des CSR und verantwortlich für Mitgliedschaften wie die bei der Fair Wear Foundation oder dem Dutch Textile Covenant. Außerdem schult sie die verschiedenen Abteilungen bei KOI in Sachen Nachhaltigkeit und stellt die Implementierung derselben in allen Bereichen des Unternehmens sicher. „Alle bei KOI arbeiten gemeinsam daran, unsere Sozialstandards und Prozesse jede Saison ein bisschen besser zu machen.“

Gleich zu Anfang hat Margreeth betont, dass die meisten KOI-Produkte in Tunesien produziert werden. Daher fordert das Land den Großteil ihrer Kapazitäten ein, wenn es um strukturelle Verbesserungen geht. In Osteuropa lässt KOI in Bulgarien, Mazedonien und der Republik Moldau produzieren. „Die Arbeitsbedingungen sind akzeptabel“, sagt Margreeth, wobei sie klarstellt, dass ihr Eindruck allein auf den Fabriken beruht, mit denen KOI zusammenarbeitet. Die Marke wird von einer Agentur unterstützt, die Zulieferer gemäß den Kriterien von KOI vorschlägt, was mindestens eine BSCI- oder Fair Wear-Auditierung voraussetzt. Da das Unternehmen auf diese Weise sehr gute Produktionsstandorte kennengelernt hat, war und ist es eine sehr positive Zusammenarbeit. Nichtsdestotrotz besucht das Team von KOI jede Fabrik viermal im Jahr, um „Präsenz zu zeigen, die Atmosphäre wahrzunehmen und die Menschen zu treffen, mit denen wir zusammenarbeiten. Es ist eine Kooperation; wir alle arbeiten zusammen an den Produkten und sind Teil des Prozesses. Es gibt viele Gründe dafür, die Fabriken zu besuchen.“

Lass‘ uns über Löhne sprechen

Auch wenn vieles gut läuft, gibt es immer Dinge zu verbessern. Nehmt beispielsweise die Lücke zwischen Mindest- und Existenzlohn, die im ersten Teil des Beitrags Thema war. Margreeth kann sagen, dass bei ihren Zulieferern Mindestlöhne gezahlt werden. Das weiß sie mit Sicherheit aufgrund der durchgeführten Fair Wear Foundation-Audits, die in den Fabriken stattgefunden haben und deren Ergebnisse in den Berichten nachzulesen sind. Aber man kann nicht einfach von außen kommen und ohne jegliche empirische Basis, Recherche oder Untersuchung der aktuellen Situation einen Existenzlohn festlegen, erklärt sie. Um einen anzustrebenden Lohn festzulegen, ist es wichtig Interviews mit den Arbeiter_innen zu führen: Wie viel zahlen sie für ihre Miete und andere Ausgaben? Genau diesen Prozess durchläuft KOI gerade in Tunesien; Osteuropa soll im Verlauf des nächsten Jahres folgen. Um bei den Zulieferern ein Bewusstsein und Verständnis dafür zu schaffen, ihren Arbeiter_innen den Mindestlohn zu zahlen, muss man ihnen Fallstudien zeigen, welche die Recherchen von KOI und Organisationen wie der Fair Wear Foundation enthalten, sagt sie. „Letztlich ist es eine Kooperation und Partnerschaft, die wir mit unseren Zulieferern eingehen; Handlungen müssen von allen Beteiligten ausgehen.“

Eine von KOIs Herausforderungen ist, dass sie nur einen kleinen Anteil der Fabrikkapazitäten auslasten – höchstens 5% in Tunesien und noch weniger in Europa. Deshalb kostet es sie viel Zeit, um an Einfluss zu gewinnen. Ihre kleinen Auftragszahlen versuchen sie auszugleichen, indem sie sich mit anderen Marken zusammentun, die in derselben Fabrik produzieren lassen. Kooperation ist hier das A und O. KOI muss den Diskurs in die gesamte Fabrik bringen und alle Akteur_innen an einem Tisch versammeln. „Marken müssen Verantwortung übernehmen, wenn sie dort produzieren lassen“, sagt Margreeth. „Wir müssen handeln!“. Aber es braucht auch Zeit und Vertrauen in den Prozess – vor allem bei einem relativ jungen Thema wie Existenzlöhnen.

Der Kooperations-Aspekt macht die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation (FWF) zu einem Vorteil. In Ländern wie der Republik Moldau, wo KOI zusammen mit mehreren FWF-Mitgliedern in einer Fabrik produzieren lässt, ist es viel einfacher strukturelle Verbesserungen zu erzielen. Darüber hinaus gibt es einen Member Hub, wo Marken sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Das bedeutet aber immer auch, dass alle zusammenarbeiten müssen. Man muss nach Verbesserungen streben, um voran zu kommen. Daher hofft Margreeth auf Maßnahmen wie Steuererleichterungen, um fair produzierende Unternehmen zu unterstützen. Gesetzliche Beschlüsse im Hinblick auf Löhne und Arbeitsbedingungen könnten ebenfalls ein vernünftiger Schritt in die richtige Richtung sein. Bis dahin sollten Marken jedoch ihr Potenzial ausschöpfen, gemeinsam mit anderen Vertreter_innen der Branche Veränderungen anzustoßen zu können – unabhängig von Schritten der Regierung.

Wenn man versucht in der Modebranche mit gutem Beispiel voranzugehen, sagt Margreeth, ist es nicht immer leicht Zulieferer davon zu überzeugen, wie wichtig Audits und Trainings sind. Besonders wenn man als Unternehmen nur ein kleines Auftragsvolumen platziert, muss man sehr deutlich machen, welche Vorteile die Zusammenarbeit mit einer fairen oder ökologischen Marke haben kann. Laut Margreeth war das für KOI anfangs eine große Herausforderung, aber die Ergebnisse haben die Zulieferer letztlich überzeugt: Zufriedene Arbeiter_innen machen einen besseren Job.

„Marken müssen handeln und Verantwortung für ihre Produktions- und Einkaufspolitik übernehmen.“

Margreeth zufolge kann das Budget einer kleinen Firma (oftmals) einschränkend sein. Nicht im Hinblick auf die Löhne – Untersuchungen zeigen, dass Existenzlöhne lediglich zu einem Preisanstieg von wenigen Cent pro Kleidungsstück führen würden – sondern weil die Personalressourcen zu knapp sind, um alle Länder gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Man muss realistisch sein und sich auf Themen konzentrieren sowie umsetzbare Zeitpläne erstellen, die zur eigenen Produktions- und Einkaufspolitik passen. Dabei ist das Setzen von Prioritäten nicht unbedingt das, was man sich wünscht, wenn man die Gesamtsituation verbessern möchte. Besonders wenn die Erfahrung zeigt, was möglich ist. Margreeth bezieht sich auf das Workers Education Programme der Fair Wear Foundation, das sie in Mazedonien organisiert haben. Ziel der Schulung war es den sozialen Austausch zu befördern, da es immer wieder Unverständnis zwischen dem Management und den Arbeiter_innen gibt. Es soll außerdem das Bewusstsein der Arbeiterschaft für Arbeitsstandards verbessern und ihnen Kompetenzen mit an die Hand geben, wie etwas das Lesen ihrer Lohnabrechnung. Das Programm greift jedoch auch das Thema Arbeitnehmer_innenvertretung auf. Nach dem Training in Mazedonien haben die Arbeiter_innen eine neue Vertretung sowie eine Gesundheits- und Sicherheitsbeauftragte gewählt und es finden monatlichen Treffen statt. Aufgrund dieser positiven Ergebnisse möchte Margreeth im Laufe des Jahres eine weitere Schulung folgen lassen.

Es ist jedoch nicht nur für Unternehmen an der Zeit zu Handeln. Auf die Frage nach ihrer Vision für die Zukunft der Modeindustrie spricht Margreeth die Rolle der Konsument_innen an. Aus ihrer Sicht stellt es ein großes Problem dar, dass Verbraucher_innen sowohl im Hinblick auf das Überangebot an nicht nachhaltig und nicht sozialverträglich produzierter Kleidung, als auch durch die unrealistisch niedrigen Preise verwöhnt sind. Sie wünscht sich, dass unsere Gesellschaft wieder an den Punkt kommt, an dem wir wertschätzen, was andere Menschen für uns herstellen. Auch wenn es oft den Eindruck hat, wird unsere Kleidung nicht von Maschinen produziert, sondern von Menschenhand. Wir sollten uns all der Hände bewusst sein, die dazu beitragen auch nur ein einziges Kleidungsstück zu entstehen zu lassen.

Zusammenfassend verdeutlicht das Gespräch mit Margreeth, dass es nicht nur „gute“ und „schlechte“ Unternehmen gibt. Viele Marken bemühen sich bereits nach Kräften Kleidung auf ethische Weise produzieren zu lassen. Diese Entscheidung führt jedoch zu einer Gratwanderung: Sie sind idealistisch und müssen oftmals realistisch bleiben; sie möchten Verbesserungen anstoßen, für die sie nicht immer den nötigen Einfluss haben; sie wünschen sich Kooperation und sind gleichzeitig Teil eines Wirtschaftssystems, in dem eine solche Haltung selten belohnt wird. Am Ende geht es also vermutlich darum idealistisch zu bleiben, an den eigenen Bemühungen dranzubleiben und sich aller Umstände zum Trotz mit anderen zusammenzutun.

Vielen Dank für das Interview und die Eindrücke, Margreeth!


Beitragsbild: Fabrik in Bulgarien © FEMNET
Interview und Text: May Blombach

Paying a living wage? The clothing industry in eastern Europe – Part II

In the first part of our eastern Europe series we gave a short overview about local working conditions in the garment sector – mainly focussing on the living wages topic. For the second part we promised to take a closer look at the questions of if and how it is possible to improve working conditions in eastern Europe. To this end, we reached out to fair fashion labels producing clothes in eastern Europe. Kings Of Indigo is one of those brands and we are happy that Margreeth Dronkert from their team was willing to answer some of our questions. It may indeed be possible to improve garment production if one is willing to face the challenges ahead.

Kings Of Indigo (KOI) mainly produces jeans and denim, but during the last two years apparel has also become an increasing product area. Margreeth is in charge of the production of all apparel suppliers and from a CSR point of view responsible for all supppliers, the Fair Wear Foundation membership and the Dutch Textile Covenant. Apart from that Margreeth also educates the internal departments of KOI on sustainability to ensure it is implemented in every aspect of the brand. “Every season, everyone at Kings Of Indigo works together to improve our social and process level.”

Margreeth told us right from the beginning that most of KOI’s quantities are sourced from Tunisia, which therefore requires most of her capacities concerning structural improvements. In eastern Europe, however, KOI has production sites in Bulgaria, Macedonia and Moldava. “Working conditions appear to be acceptable.”, says Margreeth, but she points out that her impression relies exclusively on the factories KOI works with. The brand is assisted by an agency which identifies suppliers who meet their criteria, which means they have to be at least BSCI- or Fair Wear- audited. Since KOI has received a great selection on production locations from their partner it has been a great cooperation. Nevertheless, the Kings Of Indigo team visits the factories “in order to be on site, to feel the atmosphere, to meet and see the people we work with. It’s a cooperation, we are all together working on the product and taking part in the process. It’s important to be at the factories for many reasons.”

Let’s talk about wages

Although things are going well, there are always aspects to improve. Take for instance the gap between minimum wage and living wage mentioned in the previous article. Margreeth can say that the minimum wage is paid in the factories of their suppliers. This she can say with confidence due to the Fair Wear audits that have taken place at these locations and proof is shown in the audit report. But you cannot simply walk in from the outside and establish a living wage without any evidence, research or investigation into the current situation, she explains. To set a target wage, it is important to interview the workers: How much do they pay for their rent and other expenditures? KOI is doing this in Tunisia as we speak and is planning to do so in eastern Europe by the middle of next year. To create awareness and understanding at your suppliers on paying their workers the minimum wage, you have to show them the case study that sums up a broad research done by KOI and organizations such as the Fair Wear Foundation, she says. “In the end it is a cooperation and relation you have with your supplier; action has to come from all involved parties.”

One of KOI’s challenges is that they are only occupying a small part of the total production capacities in one factory – maybe 5% in Tunisia and even less in Europe. As a result, it takes them a lot of time to gain influence. Therefore, to create leverage with other brands producing in the same factory, cooperation is the be-all and end-all. KOI have to bring the discussion into the whole factory and get everyone around the table. “The brands have to take responsibility”, Margreeth says, “for they are producing there. We have to take action!” But it also takes time and trust in the process – especially concerning a rather new topic like living wages.

The cooperation issue makes it an advantage to be member of the Fair Wear Foundation (FWF). In countries like Moldova, where KOI is producing in one factory together with other FWF-members, it is much easier to achieve structural improvements. There is also a members’ hub where brands can exchange their experiences. But this also means that everyone needs to work together. You need to be striving for better in order to make progress. This is why Margreeth hopes for measures such as tax reliefs to benefit and promote fair sourcing companies. A governmental directive on wages and working conditions could also be a reasonable way forward. Until then, brands should seize their potential to make changes together – without depending on government decisions.

When you are trying to set an example in fashion industry, she says, it is tough to convince suppliers of how important audits and trainings are. Particularly when placing only relatively small orders, you have to make a point of showing your supplier which special benefits they get from working with a fair or organic brand. According to Margreeth, KOI struggled to do so in the beginning, but results convinced their suppliers in the end: Satisfied workers do a better job.  

“Brands have to take action and responsibility for their sourcing and buying practices.”

According to Margreeth, a small company’s budget can (often) be a barrier. Not because of wages – because research shows a living wage would only lead to a price increase of a few cents per item – but there is a lack of staff capacity in order to tackle all countries at the same time. You have to be realistic and focus on topics and create a realistic and reasonable time frame suitable to your sourcing and buying practices. But having to set priorities is not what one wishes to do when trying to improve the situation as a whole. Particularly when experience shows what is possible. Margreeth refers to a FWF workers’ education programme they organized in Macedonia. Its goal was to increase social dialogue, because there often is a lack of understanding between management and workers. It sought to increase workers’ awareness about the labour standards and train them to be able to read their salary slips, for example. The programme dealt also with the topic of worker representation. After the training in Macedonia, workers elected a new representative, an occupational healthy and safe representative and monthly meetings take place. Because of these positive results, Margreeth wants a representative training to follow in the course of this year.

But taking action is not only up to companies. When asked for her vision of the future fashion industry, Margreeth also mentions the role of consumers. From her point of view, it is a big problem that consumers are spoiled by the overload of clothing which is made in a non-sustainable way and produced under non-social friendly conditions on the one hand and unrealistically low prices on the other hand. She wishes for our society to come back to the point where we appreciate what other people make for us. Although it often seems that way, our clothes are not made by machines but by humans. We should be aware of all the hands contributing to the making of a single piece of clothing.

To sum up, the talk with Margreeth demonstrates that there are not only “good” and “bad” companies. Many brands are trying their best to source garments in an ethical way. This choice leads them to a balancing act: They are idealistic but often must be realist; they want to improve things they do not always have the influence to change; they wish to cooperate but are part of a competitive economic system where this is seldomly rewarded. So maybe in the end it is all about staying idealistic, continuing one’s efforts and teaming up with others nontheless. 

Thank you for your time and impressions, Margreeth!


Picture: Factory in Bulgaria © FEMNET
Interview and text: May Blombach

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