Die Suche nach den kleidermachenden Leuten – ein Interview mit Imke Müller-Hellmann

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Wer sind die Menschen, deren Arbeit in unserer Kleidung steckt? Wie arbeiten sie? Wovon träumen sie?  Imke Müller-Hellmann hat sich auf den Weg gemacht um das herauszufinden. Wie sie das geschafft hat, erzählt die Autorin von „Leute machen Kleider“ uns hier im Interview mit Kristin Herold.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über Ihre Lieblings-Kleidungsstücke ein Buch zu verfassen?

Der Ursprung war eine Kurzgeschichte, in der ich frühstücke und alle Menschen in meine Küche kommen, die das Frühstück hergestellt haben. Irgendwann dachte ich: Das setze ich jetzt um. Aber ich nehme meine Kleidung, die begleitet mich jahrelang.

In wie viele Länder mussten Sie reisen und wie lange hat es gedauert, bis Sie alle Menschen aufgesucht hatten, die an der Fertigung Ihrer Kleidung beteiligt waren?

Meine Lieblingsstücke kamen aus fünf Ländern: China, Bangladesch, Vietnam, Deutschland und Portugal. Drei Marken haben mein Ansinnen abgelehnt. Sie produzieren in Serbien, in der Ukraine und in Indien. Ich habe knapp drei Jahre an dem Buch gearbeitet.

Wie gehen die Arbeiter_innen mit ihrem Berufsalltag um und was sind deren Wünsche und Träume?

Die Arbeiter_innen in Asien arbeiten lang, schnell und viel. Sie haben eine intensive Arbeitsdichte zu ertragen und erhalten geringe Löhne. Die, mit denen ich gesprochen habe, haben sich damit arrangiert und versuchen, das Beste daraus zu machen. Einige waren sogar stolz, schnell zu sein und keine Pausen zu machen, um eine höhere Stückzahl und damit einen höheren Lohn zu erreichen.

Was war Ihr beeindruckendster und erschreckendster Moment auf der Reise?

Beeindruckend fand ich das handwerkliche Können der Arbeiter_innen, Chapeau! Am erschreckendsten war die Umweltverschmutzung in Dhaka. Der Fluss Buriganga ist verseucht und seine Ufer bestehen aus Müll. In den Fluss fließen auch Abwässer der Textilproduktion.

Wir als FEMNET können uns natürlich gut vorstellen, wie schwer es ist an Zulieferinformationen bzw. an die oberste Etage der Unternehmen zu gelangen, wie haben sie das geschafft? Welche Hindernisse wurden Ihnen dabei in den Weg gestellt?

Tja, manche haben reagiert, andere nicht. Freundlich nachfragen. Kreativ werden. Hinfahren.

Was haben Sie, als Person, am meisten von der Reise mitgenommen?  

Die Relativierung meiner kleinen deutschen Weltsicht. Die Erfahrung, dass „Sympathie“ als Begegnungsgrundlage überall auf der Welt zählt. Und dass es „die Anderen“ gar nicht gibt. Dass das „othering“, mit dem Rassismus funktioniert, nur ein geschicktes Konstrukt ist, mit dem Machtverhältnisse aufrechterhalten werden. Die Momente, in denen mein innerer Rassismus ins Schwanken kommt, sind auf Reisen die Schönsten.

An welchen Stellschrauben muss Ihrer Meinung nach gedreht werden, dass sich Bekleidungsindustrie und damit verbunden die Situation der „Kleider machenden Leute“ ändert?

Fünf Stellschrauben fallen mir ein. 1. Sich das Wissen um Kleidungsherstellung, konkrete Arbeitsbedingungen und Qualität wieder aneignen. Dann können sie uns nicht alles andrehen. 2. Die Label stärken, die sich um gute Arbeitsbedingungen in ihren Zuliefererbetrieben kümmern. 3. Die Gewerkschaften in den Herstellungsländern stärken. 4. Druck auf die bestehende Politik ausüben. Es gibt Messwerte für Chemie in Kleidung. Wenn die überschritten sind, darf die Lieferung nicht nach Europa eingeführt werden. Warum gibt es nicht auch Messwerte für „gute Arbeit“? 5. Das bestehende Wirtschaftssystem ablösen und eine Wirtschaft aufbauen, in der der Mensch und die Umwelt vor dem Profit stehen. Noch besser: Das Konzept von Profit ganz hinter uns lassen. In diese Richtung weiterdenken, sich auseinandersetzen, im Gespräch bleiben. Das wäre dann keine „Stellschraube“ mehr, das wäre eine neue, bessere Maschine.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: © Imke Müller-Hellmann

 

 

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